Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019, das fünfte (2019-2020) 2021, das sechste (2021-2022) 2023, das siebte (2023-2024) 2025 (siehe unter AKTUELLES).

1. Dezember 2025
Eine revolutionäre Einsicht der wirklichen Revolutionäre: Wer gegenüber seinen Fehlern nicht zum praktischen Revisionisten wird, ist entweder ein unbelehrbarer Gangster oder ein unheilbarer Idiot.

2. Dezember 2025
Man muß dafür sorgen, daß durch sorgsames und manches unterlassendes Eingreifen Wunden an Körper und Seele heilen. Aber die Wunden eines Volkes und einer Nation müssen offengehalten werden. Sie beginnen sonst im Verborgenen zu eitern.

3. Dezember 2025
Nemmersdorf wird ewig eine Wunde und eine Schande Rußlands bleiben. Dieses Mikro-Auschwitz wird nicht durch den fast schon siegreich beendeten Krieg und die vorangegangenen Massaker entschuldigt.

4. Dezember 2025
Die Schande einer Nation vergeht nicht, solange diese besteht – unbeschadet der Schuldlosigkeit eines nachgeborenen Kollektivs und der Einzelnen.

5. Dezember 2025
Wieviele russische Panzer hielten die dokumentierten deutschen Vorwürfe wegen der Massaker in Nemmersdorf oder die noch ungleich schwerer wiegenden exilpolnischen Anklagen wegen der Katyn-Morde auf? Nicht einen. Selbst die Deserteure, die ohnehin nur Richtung Heimat fliehen konnten, wurden schnell ersetzt.

6. Dezember 2025
Der Zwerg aus Deutschland übte Druck auf China aus, nachdem der chinesische Riese ihm erlaubt hatte, herzlich sein gestiefeltes Bein zu drücken.

7. Dezember 2025
Auf eine Pfeifin folgte eine Pfeife, bei der es nicht einmal zum Rattenfänger gereicht hatte.

8. Dezember 2025
Kann man in Syrien in Würde leben? Das sollte die Syrer interessieren, niemanden sonst. Sollen wir Deutschen etwa der Syrer Retter und Würdenbeauftragte sein? Unser Volk hat sich nach 1945 weitestgehend aus eigener Kraft aus dem ruinösen Bankrott wieder hervorgearbeitet und zumindest die kleineren zweitrangigen Siegermächte England und Frankreich überholt.

9. Dezember 2025
Auch ich ärgere mich manchmal über Behörden. Warum fahre ich nicht in eine Menschenmenge, um sechs zu töten und dreihundert zu verletzen, wie jener saudische, als integriert betrachtete Arzt, der wahrscheinlich schon vom Hippokratischen Eid gehört hat, aber die Natter des Äskulapstabes für eine vom Arzt einzusetzende Giftschlange hält?

10. Dezember 2025
Zur Klimakonferenz flogen 50.000 Wichtigtuer nach Belem. Für sie wurde Regenwald abgeholzt, damit sie gemütlich parlieren konnten. Wie gut ist das denn?

11. Dezember 2025
Es gibt Unterlassungssünden. Aber oft scheinen die Sünden durch Nicht-Unterlassen häufiger und schwerer zu sein – von der Einmischung bis zur Eroberung, vom Maßregeln bis zum Dressieren der Einzelpersonen.

12. Dezember 2025
Wir benötigen lange für tiefe Einsichten. Oft genug so lange, bis wir in die Hilflosigkeit verfallen sind.

13. Dezember 2025
Kind der Bonner Republik? Zwangsweise es geworden durch die Vertreibung aus dem Osten in den Westen, aufwachsend als Fremder.

14. Dezember 2025
Immerhin nicht allein gewesen bei der Vertreibung, sondern von der Familie getragen. Und geboren, als der Krieg, der niemals endet, bis auf weiteres sein Ende fand.

15. Dezember 2025
Wer glaubt, Gott ließe sich suchen und sicher finden, hat noch nicht begonnen, ihn zu suchen.

16. Dezember 2025
Als ich jung war, nahm ich das Gewesene nur wahr als einen leichten Nebel. Jetzt erst spüre ich die Sandkörner unter meinen Füßen.

17. Dezember 2025
Mit einem stets endlichen Wissen ist das unendliche Gesamt der Sachverhalte nicht zu erfassen, In vielem ist etwas zu wissen von der Welt wie nichts von ihr zu wissen.

18. Dezember 2025
Die aufgehäuften Sandkörner bilden vielleicht einen Wall, aber sie formen keine Mauer.

19. Dezember 2025
Auch der, der das Sterben nicht für eine Befreiung ansieht, macht seinen Platz frei für den, der nach ihm kommt.

20. Dezember 2025
Die Erfüllung von Forderungen an unsere Nachfolger ist in höchstem Maße ungesichert.

21. Dezember 2025
Ohne physisch der Letzte zu sein, kann man doch der Letzte sein, der noch von einer Geschichtsformation geprägt ist und einem vergehenden Volksglauben anhängt.

22. Dezember 2025
Soviele Deutungen von sovielen Bedeutungslosigkeiten.

23. Dezember 2025
Wo schon unsere kleinen Geschichten ihre Ironie haben – wie sollte da die Ironie der Weltgeschichte fehlen?

24. Dezember 2025
Eine neue Welt? Im Grunde reicht mir schon die alte.

25. Dezember 2025
Sie glauben, Gottes Willen zu kennen und dekretieren, daß Krieg nach seine0m Willen nicht sein darf.

26. Dezember 2025
Aufgrund seelischer Defekte scheint es Künstler zu geben, die den Kunstbetrieb und seine Märkte nicht verabscheuen.

27. Dezember 2025
Schadenssuche in einer Ruinenlandschaft. Jeder Beginn ist willkürlich, jede Beendigung vorläufig und vorgetäuscht.
28. Dezember 2025
Wir haben einen so großen Speicher und doch füllen wir ihn nie. Die meisten halten an aus einem Gefühl der Übersättigung und der Nichtmehrbeherrschbarkeit. Dabei ist von dem unzugänglichen Unbekannten ohnehin nur ein Hauch festzuhalten.

29. Dezember 2025
Wer könnte leugnen, daß Reisen und Erlebnisse immer auch Verlust bedeuten? Schon das Überlagern, erst recht das Abwischen der Schiefertafel sorgt dafür.

30. Dezember 2025
Wir schreiben von Dingen, die wir nie getan haben und von solchen, die wir nicht mehr tun können und nicht mehr tun werden.

31. Dezember 2025
Den Letzten verhöhnen die Hunde.

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