Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019, das fünfte (2019-2020) 2021, das sechste (2021-2022) 2023, das siebte (2023-2024) 2025 (siehe unter AKTUELLES).

1. Mai 2025
Achtet die griechischen Tragödien, spielt sie nicht nach.

2. Mai 2025
Warum spricht man von sich, wo doch die Einzahl keine gesicherten statistischen Zahlen ergibt? Was könnte der Gewinn für den Leser sein, wenn er erfährt, was ich vor Jahrzehnten erlebt habe? Dennoch ist es nicht ohne Bedeutung, daß ich als Kind am Anfang der fünfziger Jahre ein vertriebenes Ehepaar kannte, das mit einem angenommenen Sohn, schon ein Jugendlicher, auf einem Dachboden in abgeteilten Verschlägen lebte. In dieser Zeit fuhr mancher Geschäftsmann seinen weißen Opel Kapitän, waren die meisten Kriegsschäden an den arisierten Villen beseitigt.

3. Mai 2025
Die Bereitschaft für eine mögliche Versöhnung mit den gestürzten ehemaligen Freunden und erst recht mit den geflohenen und verlorengegangenen Söhnen und Töchtern ist unerläßlich. Aber man muß sich bewußt bleiben, daß jede Familie ihre kranken und unter Umständen unheilbaren Mitglieder hat, bei denen die Trennung auf Dauer das von der nicht so blinden Evolution erzwungene Mittel der Wahl ist.

4. Mai 2025
Die, die euch goldene Berge und ein problemloses Leben versprechen, lügen. Ein verantwortungsvoller und gewissenhafter Politiker wird von vornherein sagen: Es wird Tote geben – Terroropfer, erschossene Terroristen, Selbstmörder. Es wird Verzweiflung und dauerhaft Niedergeschlagene geben, manche davon schuldlos. All das ist nicht zu verhindern. Wir können ein wenig das Leid reduzieren, ein wenig trösten und eine überschaubare Hoffnung verbreiten.

5. Mai 2025
Die Moralvorstellungen der Siedler an den Westfronten waren zumindest einfacher und klarer als die unseren, die durchgetriggert, entleert und versensibelt sind. Die Moral der Siedler entstand im selbstgewählten blutigen Überlebenskampf mit Männern, die sich mannhaft wehrten und nicht in billige Kompromisse flüchteten.

6. Mai 2025
Erfreue dich an den Rosenblüten, beklage dich nicht über die Zweige, an denen du Halt suchtest.

7. Mai 2025
Laß dir nicht erzählen, daß es unter ausländischen Ärzten mehr schlechte gibt als unter einheimischen - eher weniger, denn die Neuankömmlinge müssen in der Fremde erst noch ihren Weg finden. Daher strengen sich die meisten von ihnen mehr an als die etablierten Posteninhaber.

8. Mai 2025
Der Satte lebt angenehm. Wird er arbeiten? Wird er aus Hunger nach Neuem und aus einem Begreifen des Alten und Vorgegebenen heraus etwas schaffen wollen, das ihn überrascht an der Grenze seiner Fähigkeiten?

9. Mai 2025
Einen, der sich im Stillen nicht nur für einen Kerl, sondern für den KERL überhaupt hält, laut und öffentlich in seinem Beisein einen Kerl zu nennen, den man selbst im Grunde mag, kann riskant sein.

10. Mai 2025
Alle Schweine können grunzen. Jeder kann in Zeiten der KI ein Buch schreiben, leider nicht jedes.

11. Mai 2025
Allenfalls die miserablen Abfallvarianten der Kunst erleichtern das Einschlafen. Herr Gutekunst und Frau Erfolg kommen nicht zusammen, weil man sich gegenseitig als Versager sieht.

12. Mai 2025
Erzählen dient dem Verbergen.

13. Mai 2025
Eine inzwischen nicht mehr selbstverständliche Banalität: Bildung und Erziehung vom Kindergarten bis zur Universität sind hoheitliche Aufgaben des Staates an der Seite der Familien.

14. Mai 2025
Zuhause, für mich, bevorzuge ich die leichten Trainingshosen, die dem Modeschöpfer so mißfielen.

15. Mai 2025
Es ist und war lächerlich, Heideggers Schreibweise SEYN für lächerlich zu halten. Unterscheidung, Abgrenzung und Genauigkeit sind in der Philosophie unerläßlich.

16. Mai 2025
Gäbe es doch in unserem Leben akustische Signale für das Ablaufen eines Abschnittes.

17. Mai 2025
Was wäre das Ergebnis, wenn jedem, der in den Medien herumdengelt, eine Eintragung in der Personalakte unter dem Stichwort ANTIDEUTSCHER RASSISMUS drohte?

18. Mai 2025
Der rasante Verbrauch geframter Wörter zwingt dazu, die Feuchtgebiete nach Nachschub zu durchforsten.

19. Mai 2025
Grundbedingung für ein Minimum an Bedeutung in der Philosophie ist, das vorhandene Denken zu transzendieren.

20. Mai 2025
Wie kann sich jemand erlauben, von GOTTFERNE zu schwafeln, wo es doch stets offen bleibt, ob Gott überhaupt einen Ort hat und, wenn ja, wo er zu finden wäre.

21. Mai 2025
Wenn der, den wir GOTT nennen, ALLES ist, dann ist er auch nichts als das Nichts.

22. Mai 2025
Wer sich beugt, nähert sich unmerklich dem Schafott.

23. Mai 2025
Die Völker haben recht. Zumindest eher und häufiger als ihre Regierungen. Die Völker haben Rechte, damit sie sich darauf berufen können – in der Regel ergebnislos.

24. Mai 2025
Was die Menschen aus den Kriegen mitbringen, ist eine krause Mischung einerseits aus Irrtümern und Vorurteilen und andererseits aus zutreffenden Erfahrungen und plausiblen Erkenntnissen.

25. Mai 2025
Die Soldaten haben auf andere Soldaten geschossen. Selbst wenn sie diese Menschen aus dem früheren Leben gekannt hätten, hätten sie sie wohl kaum erkannt und geschont. Selbst der SOLITARY SNIPER erschießt seinen Bruder im Kampf um eine fragliche Freiheit. Schon um sich zu schützen, zielt kaum ein Soldat daneben.

26. Mai 2025
Ich war nicht da, wo ich war. “Ich glaube, ich bin im Wald“, sagte ich mir, aber ich war an der Börse inmitten von fließenden Millionen. Gab es überhaupt den Wald? Ich lebte ohne ihn.

27. Mai 2025
Wenn zuviele Soldaten und Staatsbedienstete fragen WARUM ALL DAS? und FÜR WEN WIRD DAS GETAN?, ist ein Land verloren.

28. Mai 2025
Die blinde egoistische Verweigerung ist verheerender als der blinde knechtische Gehorsam.

29. Mai 2025
Man kann sich und seine Partei DEMOKRATISCH nennen und mit der Demokratie soviel zu tun haben wie eine Seekuh mit der Zwölftonmusik. Die Feindschaft dieser „Demokraten“ gegen ihr Land, zumal in Zeiten, wo ihnen außer Oppositionsgegeifer wenig Handlungsmöglichkeiten bleiben, ist notorisch. Mit gleicher Energie hassen sie die Demokratie.

30. Mai 2025
In den Ämtern liegen Beschwerdebriefe der islamistischen Vereine vor, sie seien beschmutzt worden durch offizielle Zahlungen des Staates der Ungläubigen, etwa durch mehr als acht Millionen Euro an ISLAMIC RELIEF zur Weitergabe an die Muslimbrüder. Dies verhindere ihre überzeugende Darstellung als Rassismus- und Phobieopfer.

31. Mai 2025
Gerade eben hat Herr Mieselpriem, der sich als zufälliger Theaternachbar beengt und angegriffen fühlte durch meinen Ellbogen auf der Sitzabtrennung zwischen uns, noch neben mir gesessen, aber schon eine Minute später finde ich ihn im durch die Restauration herumflanierenden Pausenpublikum mehrfach wieder, ohne daß ich mich für eines der Duplikate entscheiden kann. Herr Mieselpriem wurde offenkundig im Dutzend produziert.

1. April 2025
Wenn zuviele Menschen kommen, verschwinden viele Menschen, die vorher schon da waren.

2. April 2025
Glut ohne Feuer? Zusammenschweißen ohne Druck?

3. April 2025
Immer wieder in der Geschichte haben Imperatoren und Usurpatoren die Fahne der Befreiung und Selbstbestimmung geschwenkt, um naive Menschen zu täuschen.

4. April 2025
Für sich genommen hat jeder Recht. Aber nicht alle können ihm rechtgeben und ihm ihr Schicksal verpfänden. In der Grammatik kommt das ICH vor dem DU. Wer will einem Menschen sein Terrain verweigern und die Waffen, mit denen er sich im Notfall verteidigen kann?

5. April 2025
Menschen, die in der Fremde nicht zurechtkommen, stehlenden Gästen, in die Arbeitsverweigerung oder ins Streunen flüchtenden Flüchtlingen muß man helfen, in geeignete Umstände zurückzukehren.

6. April 2025
Großzügigkeit muß man sich leisten können. Selbstloses Verteilen des Eigenen ist beim Einzelmenschen hinzunehmen und gelegentlich sogar klug. Staaten, Nationen und Völker dagegen sind zu ihrem gesicherten Überleben darauf angewiesen, zuerst an sich und die eigenen Leute zu denken.

7. April 2025
Die Missionare des grenzenlosen Verschenkens müssen gelegentlich einen Kassensturz machen und sich ihren Begrenzungen anpassen.

8. April 2025
Neben unserer eigenen engen Welt so viele andere – die der Flaschensammler, die der Clankriminellen, die der Versorgungsfixierten – und alle in einem einzigen Strom, der uns bewegt, wie es ihm gefällt.

9. April 2025
„Frohe Zukunft“ ist nur eine Haltestelle, ein Endpunkt einer Vorortlinie.

10. April 2025
Die Zeit, in der dein Vorname wieder in Mode ist, wirst du nicht erleben.

11. April 2025
Man kennt allenfalls einzelne formal anspruchsberechtigte Erben in ihrer Jugend.

12. April 2025
Das Siegerlachen der jetzt noch Armen, die nach Vorrechten für sich rufen.

13. April 2025
Angebliche Sorge um einen Menschen ist in der Regel der blanke egoistische Übergriff.

14. April 2025
Auch ein feiner Zwirn überdeckt nicht die Löcher von der Schmerzensstraße und vom Dornenweg.

15. April 2025
Der Späher riskiert seinen Tod. Auch der Einbrecher, der Räuber, der Schläger gehen dieses Risiko ein. Warum wagen sie, einen gezielten Schuß abzubekommen?

16. April 2025
Je älter man wird, umso mehr erhalten die Wunden und Narben den Charakter des Unvermeidlichen und Nebensächlichen.

17. April 2025
Das in die Wissenschaften eingedrungene gehobene Spießertum und der aufstrebende Pöbel dort wollen die Geschichte nach ihren Wunschphantasien reparieren, statt sie zu nehmen, wie sie nun einmal war.

18. April 2025
El Kotzo sollte freiwillig abtreten und einige seiner Generationskumpane mitnehmen.

19. April 2025
Ich habe nichts gegen intelligente und interessante Krawallschachteln. Jene Autorin, die kürzlich im einstmals literarischen Haymon Verlag ihren Erstlingsroman FICKMÄDCHEN unter mühsamer Übersetzung des Titels ins amerikanische Gangsteridiom veröffentlichte, gehört definitiv nicht dazu.

20. April 2025
All die, die sich über die Künstler des Dritten Reiches oder der Sowjetzonen-DDR moralisch erhaben dünken, müssen nicht nur moralisch dreimal so gut sein, sondern auch ein Minimum an Intelligenz und künstlerischer Potenz aufweisen – neben den Ebern auch die dummen Säue, die sich an den Eichen reiben.

21. April 2025
Wenn man einen Philosophen für groß hält, nur weil er in seiner Heimat als groß gepriesen wird, sollte man zuerst prüfen, ob dieses einst großartige Land noch groß ist oder nicht vielmehr blind und krank.

22. April 2025
Die Rheinische Republik starb im besten Mannesalter – betrauert von ihren Parasiten und freudig verabschiedet von freien Menschen, die in ihren Hoffnungen allerdings zu wenig den Kohlonialismus und die Verkommenheit der Führungs- und Verführungsgruppen einkalkuliert hatten. Der oberste Salonphilosoph der Republik existierte fast doppelt so lange wie sein Schattenreich. In reichlicher Zeit brachte er nicht mehr zustande als Bestätigungsgestammel.

23. April 2025
Kein einziges der den deutschen Truppen zuzurechnenden Verbrechen rechtfertigt die polnischen und tschechischen Verbrechen der Nachkriegszeit. Die Untaten der Anführer auf der russischen Seite hatten andere Ursachen. Sie wurzelten in Rache und Dominanzstreben und natürlich nicht im Drang nach Emanzipation, sondern in einem großrussischen Separatismus, der seit Jahrhunderten auf die totale Verdrängung und Vernichtung des deutschen Elements gerichtet war. Auf der anderen Seite gab es die Aufgeklärten und Toleranten, aber wie immer entschied die Zahl derjenigen, die die Dinge zu entscheiden hatten.

24. April 2025
Für Gewalt und Terror gibt es keine Meßlatte. Nur eine Grobabschätzung mit den Augen.

25. April 2025
Relative Unempfindlichkeit gegen Schmerzen und Leid ist nur in Kombination mit einer manchmal mit Höflichkeit verhüllten Rücksichtslosigkeit zu haben.

26. April 2025
Man wird im allgemeinen im Alter langsamer und ungeduldiger mit dem, das noch werden soll.

27. April 2025
Der Realismus ist immer brutal. Otto Ludwig, der Begründer des poetischen Realismus, ist der beste Beweis. In seinem Meisterwerk ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE wartet an der Kante zum Nichts der Brudermord.

28. April 2025
Vielleicht sind ja doch DIE SCHWARZE HÜTTE und DIE WEISSE HÜTTE nur Bezeichnungen für die zwei Zugänge zu demselben Gebäude, vielleicht stürzen am Ende wie in den TWIN PEAKS des genialen David Lynch beim Schrei des CRYING OF HUMANITY all die Schwindelpaläste in sich zusammen.

29. April 2025
Sei dankbar, daß ein gütiger Gott Vorsicht und Angst einsetzte, um deine dunkelsten Pläne früh zu durchkreuzen.

30. April 2025
Wie oft der Abweg zum Abgrund und der Umweg zum Entkommen!

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