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TAGEHEFT
ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019, das fünfte (2019-2020) 2021, das sechste (2021-2022) 2023, das siebte (2023-2024) 2025 (siehe unter AKTUELLES).
1. Januar 2026
Das Reden über unsere Existenz verleitet zur Geschwätzigkeit.
2. Januar 2026
Wir existieren ungefragt und unbefragbar.
3. Januar 2026
Die Rendite beim Selbstbetrug ist bescheiden. Meist wird lediglich Verlustvermeidung erreicht.
4. Januar 2026
Bücher lassen sich lesen, Menschen nicht. Schon wer davon redet, wie Menschen gelesen werden könnten, offenbart sich als Perverser.
5. Januar 2026
Ereignisse stehlen uns ein Ereignis, das vorher begann, aber dann durch das Vordrängen und Überlagern nicht beginnen konnte.
6. Januar 2026
„Woher weißt du das alles?“ „Ich weiß es aus mir.“ „Aber dann weißt du es nicht.“ „Ich glaube es aber.“ „Dann glaube weiter. Ich habe zu tun.“
7. Januar 2026
Systematisches Denken führt unweigerlich in ein Denksystem, in dem man erbärmlich oder großartig gefangen ist und scheitern wird.
8. Januar 2026
Manche befürworten Gerichtsverfahren gegen Menschen, deren Hund einen möglicherweise posttraumatisch und mit Hundephobie belasteten Zeitgenossen angebellt hat. Man kann es auch übertreiben, sagt der Volksmund.
9. Januar 2026
Kompromiß-Friedensschlüsse mit Kakerlaken, Wanzen, Ratten und Stubenfliegen gelingen den meisten von uns nicht. Nicht einmal verhandeln mit den Tieren können wir, seit wir ausgestiegen sind aus dem Tierreich und seinen Sprachen.
10. Januar 2026
Die Menschlichkeit der Thunfische beschränkt sich auf die Tatsache, daß Menschen Thunfisch essen.
11. Januar 2026
Wenn nun aber der sich auch noch subjektiv zum Opfer machende Leidensträger sich durch unser Mitleid retraumatisiert fühlt - was sollen wir tun, Mitleidsäußerungen unterdrücken, das Mitleid selbst unterdrücken?
12. Januar 2026
Was sich hierzulande für Elite hält, schwimmt oben.
13. Januar 2026
Das Aufkommen staatlich geförderter Wörter und ihre obrigkeitliche Vermehrung.
14. Januar 2026
Widerstand ist gefährlich, Flucht, Untertauchen, Camouflage und Mitmachen sind es auch. Was soll man raten?
15. Januar 2026
Man sollte den WOKEN wenigstens mit einem nassen Waschlappen quer durchs Gesicht die Chance geben wachzuwerden.
16. Januar 2026
Ich mißtraue den meisten Cuvées. Es ist sehr viel leichter, einen ordentlichen Sortenwein zu schaffen als eine gute Cuvée. Die völlig gelungene genußreiche Mischung ist eben ein seltener Fall.
17. Januar 2026
Sie begeistern sich für das Schlafen. Der Erholungseffekt des Todes wird bestritten.
18. Januar 2026
Man muß selbst zweifelhaft und voller Zweifel sein, um doppelbödige Menschen darzustellen.
19. Januar 2026
Das Auf- und Untertauchen von Gedanken, die wir gedankenverloren nicht festhalten können.
20. Januar 2026
Wer sich als lebenslänglicher Wildfang fühlt, mag das für sich so sehen. Mein Bild von mir ist das nicht, zumal ein Wildfang zwar noch wild, aber schon gefangen ist und in der Klemme steckt. Wenig einladend zur Identifikation.
21. Januar 2026
Wer wie ich als Kind auf der Straße lernte, worauf es ankommt, wird auf ewig die teigig weichen Muttersöhnchen bemitleiden und verachten.
22. Januar 2026
Zweifellos gab und gibt es eine weitverzweigte Krieger- und Kämpferkaste.
23. Januar 2026
Schreiben im elften Grad, ohne zuvor Abschied von ihm zu nehmen.
24. Januar 2026
Ohne Vernunft sind Härte und Angriff selbstmörderisch, denn das Vabanque-Spiel geht nicht immer auf.
25. Januar 2026
MY BODY MY RULES ist eine der selten dämlichen Fiktionen junger denkbehinderter Mitläufer, die allen Stacheldraht verschrotten wollen, weil niemand illegal sei. Würden sie den Gesetzen ihres Körpers folgen, die Selbsterhalt und Selbstverteidigung gebieten, wären sie auf der Seite des Überlebens.
26. Januar 2026
„Sie erhalten den Hauptgewinn: eine Nacht in einem Hotel in den Ruwenzori-Bergen. Für An- und Abreise und das Hotelfrühstück kommen Sie selbst auf“.
27. Januar 2026
Es schafft eine besondere Lebensstruktur, wenn eine Familie aufsteigt, später aber abstürzt aus den lichten Höhen und den rosigen Aufstiegsträumen in Elend und Armut, um von weit unten her den Wiederaufstieg zu beginnen. Im unbewußten Untergrund der Persönlichkeit, in unerklärlichen Antrieben und Stimmungen wird die Erinnerung da sein an das, was andere besessen haben, an Gärten und ein weißes Schloß. Aber niemals wird sich sagen lassen, wo etwas tatsächlich einmal gewesen ist und wo der freie Wunschtraum beginnt.
28. Januar 2026
Das ist der Glücksfall: Nicht Recht zu haben, aber unberechtigt recht zu behalten, zumindest in den Augen der anderen. Das größte Glück ist eben doch, als Zauberer sein Publikum zu betrügen.
29. Januar 2026
Besonders schön die widerständigen Rosenblüten an einem einzelnen Strauch, die sich gegen die Novemberkälte verteidigen und sich von ihr geradezu einige Zeit noch erhalten zu lassen scheinen.
30. Januar 2026
Sie wollen Rückabwicklungen verbieten und verhindern. Selbst bei der Sackgasse, der von schrecklichen Vielologen und dummdeutschen Spießern fortschrittlich in eine Sackgasse vorangetriebenen Neuen Rechtschreibung, will man nicht zurück zum guten oder jedenfalls besseren Alten. Von den größeren Fragen ganz zu schweigen.
31. Januar 2026
Die Osmanen haben nach achthundert Jahren Invasion mit ihren Zerstörungen, Umbenennungen und selbstverliehenen Besitzansprüchen das geistige Byzanz nicht erobern können. Es lädt sie ein, reuig und bescheiden zu bleiben oder sich demütig ins eigene Kernland zurückzuziehen.
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