Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019, das fünfte (2019-2020) 2021, das sechste (2021-2022) 2023, das siebte (2023-2024) 2025 (siehe unter AKTUELLES).

1. Februar 2025
Die Wadis der Nabatäischen Wüste warnen: Auch weit entfernte Regenfälle können deinen überraschenden Tod verursachen, falls du aus den Schluchten nicht schnell genug flüchten kannst.

2. Februar 2025
Auch der Rückzug kann ein Mittel der Wahl sein.

3. Februar 2025
Die Füße in zwei Feldern mit einem Zwischenraum inmitten zu haben, sichert den Schritt.

4. Februar 2025
Das Sein, das doch die allumfassende Fülle ist, scheint uns leer verglichen mit unserem uns füllig vorkommenden Dasein, in dem wir hoffnungslos feststecken.

5. Februar 2025
Günter Rohrmoser, einer der wichtigsten und stärksten politischen Philosophen Deutschlands seit Johann Gottlieb Fichtes geistig-materiellen Befreiungskämpfen, ist wie so manche andere auch – man muß hier nur an die kalte Wiederaufnahme Ludwig Freunds nach dem Zweiten Krieg denken – von seinem Volk nicht begriffen und nicht angenommen worden. Noch dazu war er ein zu guter und wohlmeinender Mensch, um von vornherein oder doch jedenfalls schnell die lediglich organisatorisch-taktischen Qualitäten des Mantelergreifers Kohl und dessen Lügen von der so ersehnten und historisch gebotenen „geistig-moralischen Wende“ zu erkennen.

6. Februar 2025
Helmut Kohl ein verheimlichter Jude? „So what?!“ möchte man konstatieren. Es hülfe allenfalls als Erklärung für seinen Überlebens-, Aufstiegs- und Geldsammelwillen, für Planmäßigkeit und Manipulationsgeschick, wie sie über Generationen eingeübt werden mußten.

7. Februar 2025
Bienen, Ameisen und Menschen können gar nicht anders, als Industrie zu betreiben und Staaten zu bilden. Daß sie dazu die ihnen lästig und unnütz Erscheinenden an den Rand drängen oder sogar ganz ausschalten, gehört zum Programm.

8. Februar 2025
Die Zielsetzung ALLE KÖNNEN KOMMEN ist lediglich eine moderne Umschreibung des Schiffnamens MEDUSA. Dann darf man sich nicht wundern und sich nicht beklagen, wenn die überlebenden Schiffbrüchigen auf dem Floß zu Kannibalen werden.

9. Februar 2025
Vergiß nicht: Auch deine Feinde gehen dir verloren, womöglich schon vor ihrem Ableben. Als ein Stück deines Lebens.

10. Februar 2025
Man zerstört Menschen, wenn man ihnen die Chance nimmt, gelegentlich zu einem selbstverschuldeten Scheitern gezwungen zu werden.

11. Februar 2025
Wer wäre in der Lage, aus seinen Fehlern zuverlässig zu lernen?

12. Februar 2025
Man wird meist nicht gedankenreicher, aber bedächtiger, zögernder und vorsichtiger.

13. Februar 2025
Für manche gibt es nur ein einziges WILLKOMMEN. Das, mit dem ihr Computerbildschirm sie begrüßt.

14. Februar 2025
Ich hatte immer den vermessenen Ehrgeiz, auf meinen Gebieten so bitter-melancholisch, meist so scharf, hart und sehnsüchtig-böse zu werden wie der große Wilhelm Busch auf den seinen. Das Urteil darüber liegt bei mir.

15. Februar 2025
IHR KÖNNT MICH MAL ist zwar keine Vergebung, aber es entlastet und befreit die Schultern.

16. Februar 2025
Liebe, Tod, Kampf – die Trias des Wichtigsten im Leben. Über allem aber steht ER.

17. Februar 2025
Die Stolperfallen des Herbstes haben wir im Sommer als Leinen um die Sträucher gelegt.

18. Februar 2025
„Wir können Auto.“ Ferngesteuert.

19. Februar 2025
Wer ein Leben lang nur einen Job sucht und keinen Beruf, sollte prophylaktisch von seinem Job befreit werden.

20. Februar 2025
Bei aller auch nur begrenzten Gleichheit in den Massen einer Art: Wie verschieden die Tiere und Pflanzen sind, wie sehr sie die Ungleichheit zum Überleben und zur Evolution benötigen! Und dann das dumme Geschrei der Hirnlosen mit der Forderung nach völliger Angleichung.

21. Februar 2025
„Warum benötigen die Philosophen eine Meterebene?“, fragte sich der weniger Gebildete bei sich, als er eine Sendung des „Philosophischen Radios“ hörte. „Wollen Sie nicht zu tief fallen“?

22. Februar 2025
Ich schätzte es, daß ein durch meine Heirat zum Verwandten gewordener Großbauer aus dem Oldenburger Münsterland jeden Morgen nach seiner Arbeit in den stinkenden Hühnerställen sich duschte und ein weißes Hemd anzog, ehe er frühstückte. Es waren regelrechte Landlords, immer frei gewesene Herren von Land in Gutsgröße mit einem aufrechten Selbstbewußtsein. Ihre Sippe ging zurück auf ein einheimisches Rittergeschlecht, aber sie hatten wegen der Lehenspflichten sich vom Adel befreit. Natürlich gab es auch bei ihnen schwarze Schafe – etwa den einen Sohn, der bei der verwitweten Mutter blieb und sich zu Tode soff.

23. Februar 2025
Die Arbeit ist nur eine stellvertretende Vor- und Schwachform des Kämpfens.

24. Februar 2025
Der deutsche Humor ist, nur weil er verteilter und widersprüchlicher auftritt (die Gegensätzlichkeiten sind einer seiner Vorzüge) nicht geringer zu schätzen als der anderer Völker. Er hat seine schöne Langsamkeit, seine wilden Gemeinheiten und Zornesausbrüche, seine bitteren und scharfen Töne, die er nicht zuletzt dem jüdischen Erbe verdankt. Für die Antagonismen etwa der zwei Großen, die nur den Wilhelm und ihre norddeutsche Schwerblütigkeit gemeinsam haben, Wilhelm Busch und Wilhelm Raabe, sollten wir dankbar sein und dafür, daß sie nicht deckungsgleich übereinander passen.

25. Februar 2025
Die Erfahrung zeigt: Das Holz der Zweige ist schwächer als das Holz des Stamms.

26. Februar 2025
Wenig später gelöschte Mitteilung des Auswärtigen Amtes: „Die Bundesregierung hat den russischen Botschafter einbestellt, um Ratschläge für das Sich-Behaupten in schweren Krisen zu erhalten.“

27. Februar 2025
Man sollte vom Desaster der Ameisen in Uganda lernen, wenn auf Kosten des eigenen Nachwuchses ihre Gier nach der von den feindlichen Büffelkäfern gelieferten Droge die eingedrungene fremde Armee zum Sieg führt.

28. Februar 2025
Der alte Ungeist in alten zerbrochenen Flaschen.

1. Januar 2026
Das Reden über unsere Existenz verleitet zur Geschwätzigkeit.

2. Januar 2026
Wir existieren ungefragt und unbefragbar.

3. Januar 2026
Die Rendite beim Selbstbetrug ist bescheiden. Meist wird lediglich Verlustvermeidung erreicht.

4. Januar 2026
Bücher lassen sich lesen, Menschen nicht. Schon wer davon redet, wie Menschen gelesen werden könnten, offenbart sich als Perverser.

5. Januar 2026
Ereignisse stehlen uns ein Ereignis, das vorher begann, aber dann durch das Vordrängen und Überlagern nicht beginnen konnte.

6. Januar 2026
„Woher weißt du das alles?“ „Ich weiß es aus mir.“ „Aber dann weißt du es nicht.“ „Ich glaube es aber.“ „Dann glaube weiter. Ich habe zu tun.“

7. Januar 2026
Systematisches Denken führt unweigerlich in ein Denksystem, in dem man erbärmlich oder großartig gefangen ist und scheitern wird.

8. Januar 2026
Manche befürworten Gerichtsverfahren gegen Menschen, deren Hund einen möglicherweise posttraumatisch und mit Hundephobie belasteten Zeitgenossen angebellt hat. Man kann es auch übertreiben, sagt der Volksmund.

9. Januar 2026
Kompromiß-Friedensschlüsse mit Kakerlaken, Wanzen, Ratten und Stubenfliegen gelingen den meisten von uns nicht. Nicht einmal verhandeln mit den Tieren können wir, seit wir ausgestiegen sind aus dem Tierreich und seinen Sprachen.

10. Januar 2026
Die Menschlichkeit der Thunfische beschränkt sich auf die Tatsache, daß Menschen Thunfisch essen.

11. Januar 2026
Wenn nun aber der sich auch noch subjektiv zum Opfer machende Leidensträger sich durch unser Mitleid retraumatisiert fühlt - was sollen wir tun, Mitleidsäußerungen unterdrücken, das Mitleid selbst unterdrücken?

12. Januar 2026
Was sich hierzulande für Elite hält, schwimmt oben.

13. Januar 2026
Das Aufkommen staatlich geförderter Wörter und ihre obrigkeitliche Vermehrung.

14. Januar 2026
Widerstand ist gefährlich, Flucht, Untertauchen, Camouflage und Mitmachen sind es auch. Was soll man raten?

15. Januar 2026
Man sollte den WOKEN wenigstens mit einem nassen Waschlappen quer durchs Gesicht die Chance geben wachzuwerden.

16. Januar 2026
Ich mißtraue den meisten Cuvées. Es ist sehr viel leichter, einen ordentlichen Sortenwein zu schaffen als eine gute Cuvée. Die völlig gelungene genußreiche Mischung ist eben ein seltener Fall.

17. Januar 2026
Sie begeistern sich für das Schlafen. Der Erholungseffekt des Todes wird bestritten.

18. Januar 2026
Man muß selbst zweifelhaft und voller Zweifel sein, um doppelbödige Menschen darzustellen.

19. Januar 2026
Das Auf- und Untertauchen von Gedanken, die wir gedankenverloren nicht festhalten können.

20. Januar 2026
Wer sich als lebenslänglicher Wildfang fühlt, mag das für sich so sehen. Mein Bild von mir ist das nicht, zumal ein Wildfang zwar noch wild, aber schon gefangen ist und in der Klemme steckt. Wenig einladend zur Identifikation.

21. Januar 2026
Wer wie ich als Kind auf der Straße lernte, worauf es ankommt, wird auf ewig die teigig weichen Muttersöhnchen bemitleiden und verachten.

22. Januar 2026
Zweifellos gab und gibt es eine weitverzweigte Krieger- und Kämpferkaste.

23. Januar 2026
Schreiben im elften Grad, ohne zuvor Abschied von ihm zu nehmen.

24. Januar 2026
Ohne Vernunft sind Härte und Angriff selbstmörderisch, denn das Vabanque-Spiel geht nicht immer auf.

25. Januar 2026
MY BODY MY RULES ist eine der selten dämlichen Fiktionen junger denkbehinderter Mitläufer, die allen Stacheldraht verschrotten wollen, weil niemand illegal sei. Würden sie den Gesetzen ihres Körpers folgen, die Selbsterhalt und Selbstverteidigung gebieten, wären sie auf der Seite des Überlebens.

26. Januar 2026
„Sie erhalten den Hauptgewinn: eine Nacht in einem Hotel in den Ruwenzori-Bergen. Für An- und Abreise und das Hotelfrühstück kommen Sie selbst auf“.

27. Januar 2026
Es schafft eine besondere Lebensstruktur, wenn eine Familie aufsteigt, später aber abstürzt aus den lichten Höhen und den rosigen Aufstiegsträumen in Elend und Armut, um von weit unten her den Wiederaufstieg zu beginnen. Im unbewußten Untergrund der Persönlichkeit, in unerklärlichen Antrieben und Stimmungen wird die Erinnerung da sein an das, was andere besessen haben, an Gärten und ein weißes Schloß. Aber niemals wird sich sagen lassen, wo etwas tatsächlich einmal gewesen ist und wo der freie Wunschtraum beginnt.

28. Januar 2026
Das ist der Glücksfall: Nicht Recht zu haben, aber unberechtigt recht zu behalten, zumindest in den Augen der anderen. Das größte Glück ist eben doch, als Zauberer sein Publikum zu betrügen.

29. Januar 2026
Besonders schön die widerständigen Rosenblüten an einem einzelnen Strauch, die sich gegen die Novemberkälte verteidigen und sich von ihr geradezu einige Zeit noch erhalten zu lassen scheinen.

30. Januar 2026
Sie wollen Rückabwicklungen verbieten und verhindern. Selbst bei der Sackgasse, der von schrecklichen Vielologen und dummdeutschen Spießern fortschrittlich in eine Sackgasse vorangetriebenen Neuen Rechtschreibung, will man nicht zurück zum guten oder jedenfalls besseren Alten. Von den größeren Fragen ganz zu schweigen.

31. Januar 2026
Die Osmanen haben nach achthundert Jahren Invasion mit ihren Zerstörungen, Umbenennungen und selbstverliehenen Besitzansprüchen das geistige Byzanz nicht erobern können. Es lädt sie ein, reuig und bescheiden zu bleiben oder sich demütig ins eigene Kernland zurückzuziehen.

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