Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017 (siehe unter BÜCHER).

31. Mai 2017
Nicht einmal der Gedanke an einen nicht gewagten Versuch ist bedeutungslos und überflüssig.

30. Mai 2017
Die Bauern, die ihre Wiesen in Jauche ertränken, beklagen sich wenig später schon wieder über die Verunreinigung durch die Hinterlassenschaften fremder Hunde.

29. Mai 2017
Wenn du im Sumpf versinkst, werden die Aasgeier dich bedauern, weil sie von dir nicht das haben werden, was sie für ihren angemessenen Teil am Geschäftsergebnis der Welt halten. Die Wasserratten dagegen werden Beifall klatschen. Sie freuen sich auf dich.

28. Mai 2017
Der einzige echte Mißerfolg im Leben ist der Tod. Denn einen beliebigen Mißerfolg überlebt zu haben und weiterzuleben ist unbedingt ein Erfolg.

27. Mai 2017
Da du sahst, wie die Lehensmänner und –frauen sich in den Staub warfen vor ihrem Oberherrn, wie solltest du sie noch auch nur ein wenig respektieren, wie sie dir anders vorstellen als unter den Schlitten der Zukunft geraten?

26. Mai 2017
Auch Kaiphas tat, was seine Pflicht war in seinem Amt. Er hätte sich, sein bisheriges Leben und die Religionsregierung verraten müssen, um anders zu handeln. Für ihn war die hebräische Bibel ebenso ein altes unverstehbares Buch wie für den olivgrünen Außenminister Joseph Fischer das „Saarbrücker Programm“ der GRÜNEN von 1980. Gegenüber störenden Vergangenheiten war Sankt Joseph allerdings noch schneller und unkomplizierter in seiner Vergessensexzellenz.

25. Mai 2017
Die politischen Zauberer: Midasse in der Goldgrube, die alles in nichts verwandeln.

24. Mai 2017
Die Grundbedingung einer Diskussion ist, daß alle mitreden dürfen, ohne daß alle immer reden. Der übliche Ausschluß der Dissidenten bzw. ihre Ersetzung durch gewisse, den Administrierenden genehme moderate oder doch zumindest moderierbare Ersatzabweichler (wie die Zulassung Roland Tichys im Presseclub und anderweitig) macht aus einer potentiellen Diskussion eine Mehrfachmonologrunde.

23. Mai 2017
Was sagt es uns über uns, wenn wir nur den Toten Großes zutrauen und unter den Lebenden allenfalls den uns völlig Fremden, aber nicht den uns täglich Begegnenden? Möchten wir, daß das uns Überragende stets so weit entfernt sei, daß es weder seinen Schatten auf uns werfen noch unsere Kreise stören kann?

22. Mai 2017
Vom unbekannten Gott nicht zu wissen, stets zurückgeworfen zu sein auf das Fragen und Glauben ist unser Glück. Es ist der Abstand, der den Falter vor der Flamme bewahrt.

21. Mai 2017
Das wahre Menschliche ist das Göttliche im Menschen. Es zu lieben hilft gegen die Pest des Gotteshasses.

20. Mai 2017
Nur einen einzigen unaustauschbaren Gott gelten zu lassen ist ein wirksamer Schutz gegen die Vergötterung von Ideen und Ideologien, erst recht gegen die Vergötterung der Gottkönige.

19. Mai 2017
Nur auf der Flucht ist es falsch, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

18. Mai 2017
In einer untergehenden Zivilisation (vide Romanos) zwei Richtungen von Aktivismus: die, die verzweifelt Dämme errichten (die mißtrauischen Pessimisten) und die, die die Schleusentore voll fröhlicher Zuversicht öffnen. Während die größte anzunehmende Gefahr der einen das Erstarren in Armut ist (die nie belagerten gigantischen Mauern der Festung Bonaguil), riskieren die auf Belebung und Bereicherung Hoffenden alles, was sie haben und sind.

17. Mai 2017
Das Mögliche hat in Bezug auf das Wirkliche Eindimensionalität: Das Wirkliche war, ehe es wirklich wurde, möglich, aber nicht nicht-möglich (retrospektiv gesehen). Auf das Mögliche hin hat das Wirkliche immer zwei mögliche Dimensionen: Es wird eines Tages möglich sein oder es wird auf ewig nicht möglich sein. Die Zukunft hebt auf oder sie hebt nicht auf.

15. Mai 2017
Wo es dir scheint, daß die Gedichte über die verlorene Geliebte mehr wert sind als diese Frau, vergißt du, daß du sie ohne sie gar nicht erst geschrieben hättest und im übrigen auch nicht so, wie sie schließlich wurden – herausgemeißelt aus dem Wissen, ich werde sie verlieren müssen.

14. Mai 2017
Für einen Lyriker kann niemand etwas tun.

13. Mai 2017
Es ist nahezu unmöglich, sich zu wehren und zu überleben, ohne zu verletzen. Die Selbstverteidiger verteidigen sich durch Angriffe, bis der Krieg allgemein wird.

12. Mai 2017
Wir schaffen es wirklich, aus möglichen zukünftigen Feinden gegenwärtige zu machen.

11. Mai 2017
Alle Täter Opfer ihrer Gier, ihrer Vorurteile, ihres Hasses, ihrer Verführbarkeit und Mitlaufneigung.

10. Mai 2017
Unerreichbar die Vergangenheit, abgelegt in eine aufgelöste Ablage. Unerreichbar für dich, aber sie hält dich weiter gefangen.

9. Mai 2017
Der Sieg stiehlt den Traum des Sieges.

8. Mai 2017
Sie, die WIR sagen und, ohne uns gefragt zu haben, uns meinen. Aber wir sind weder für ihre Existenz und ihre Handlungen verantwortlich noch näher mit ihnen verwandt als mit den Rattenflöhen.

7. Mai 2017
Es ist ein Mehrfamilienhaus-Problem: Die einen stecken ihre Wohnung in Brand, um sie so zu renovieren. Andere quartieren als Dauergäste Brandstifter ein. Wieder andere verbarrikadieren sich, schauen vom Balkon den Rettungsmaßnahmen zu, während das Wasser von den Wänden läuft. Nur eine Komplettlösung hätte eine Chance.

6. Mai 2017
Verlache deine Feinde nicht. Schreibe ihre Namen in Großbuchstaben und in Fettdruck. Nehme sie ernst, respektiere sie, wenn du sie hinreichend bekämpfst.

5. Mai 2017
Eine Liebeserklärung an den Feind als Versuch, ihn umzustimmen? Warum nicht. Allerdings erst dann, wenn der Zug losgefahren oder das Flugzeug abgehoben ist.

4. Mai 2017
Erinnerte Qualen sind abgestumpft und ausgedünnt. Aber ungemindert ist unser Schmerz, etwas nicht getan zu haben, als wir es gekonnt hätten oder es doch hätten versuchen können.

3. Mai 2017
Du kannst die Zeit verkürzen, die du benötigst, um dich zu erinnern. Aber in den Erinnerungen selbst kannst du nichts abkürzen.

2. Mai 2017
Es genügt, für sich selbst zu sprechen und auf ein wohltätiges Schweigen der anderen zu hoffen.

1. Mai 2017
Sich schuldig zu fühlen ist die größtmögliche Schuld gegen sich selbst. Wer sich schuldig fühlt, erklärt sich den Krieg.


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