Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

31. Mai 2016
Sie sprechen von "immer lauter werdenden Rufen", um ihr Einflüstern zum Krach werden zu lassen.

30. Mai 2016
Wer von der Sinnlosigkeit des Krieges schwafelt, will dessen Ursachen vernebeln.

29. Mai 2016
Getragen das ganze Leben durch. Nicht einmal in den Todesfluß können wir steigen.

28. Mai 2016
Leben ohne die Erde unter uns und mit uns? Ohne sie wird es nur tote, automatisierte Abläufe geben.

27. Mai 2016
Der Friedwald ist der Ort sanfter Auslöschung eines Volkes als Volk, einer Gemeinschaft als Gemeinschaft. Wem die Toten nichts mehr sagen, der hat den Lebenden nichts zu sagen.

26. Mai 2016
Das Verschwinden der Gräber, das Verschwinden der Erinnerung an die Gräber, das Verschwinden der Erinnerung an die einst Lebenden, das Verschwinden des Erinnernden, das Verschwinden selbst des Verschwindens.

25. Mai 2016
Aus Gedanken entstehen Gedanken. Noch nie erzeugte Gedankenlosigkeit anderes als Gedankenlosigkeit.

24. Mai 2016
Wer vom ersten Wort an die Realität seiner Einbildungen und Illusionen behauptet, der soll anderes sein als ein notorischer Lügner?

23. Mai 2016
Gäbe es keine Sünde, verlöre das Übertreten nicht allein jeden Reiz, sondern auch jeden Sinn.

22. Mai 2016
Die Narren schlafen bei offenen Türen, und die Verräter predigen dies als die wahre Klugheit. Beiden gebührt der Rang, unsere ersten Feinde zu sein.

21. Mai 2016
In den Augen derer, die alles zu wissen meinen und an nichts glauben, ist es die größte Sünde, von der Sünde zu sprechen und davon, daß etwas gegen Gottes Gebot sei.

20. Mai 2016
Alles, was im Menschen digital ist, wird sich digitalisieren lassen. Aber der Rest?

19. Mai 2016
Nur für dich von Bedeutung, daß du an einem Ort warst, der ohne dich weiter da ist und an dem du nie wieder sein wirst.

18. Mai 2016
Ist es eine Schande, daß du das, was du gesucht hast, nicht fandest und nicht sagen konntest, ob es existiert?

17. Mai 2016
Wäre das Unvollendete zu vollenden, es lohnte nicht zu beginnen.

16. Mai 2016
Mehr wilde Tiere durch zahme Menschen getötet als Menschen durch wilde Tiere. Ein wenig mehr Ausgleich sollte sein.

15. Mai 2016
Wie leicht es war für die Großväter, in den Krieg zu ziehen und wie schwer, ihn zu überleben. Wie leicht es für die Enkel und Urenkel ist, die Kränze der Überlebenden zu deponieren.

14. Mai 2016
In der Zukunft liegt immer der Krieg und die Hoffnung auf einen ausgekämpften Frieden nach dem Krieg. Der Frieden selbst aber besteht nur in der kurzen Gegenwart, in dem Augenblick, in dem die Panzer erst in die Schlacht rollen und die Geschütze noch schweigen.

13. Mai 2016
Keine der Riten der Gnostiker, keine ihrer Angstanstrengungen auf einem der vielen falschen Wege führt zum Glauben. Nur der Glaube, nur das Wissen um das Nichtwissen führen zum Glauben.

12. Mai 2016
Allenfalls jede zehnte Revolutionsbewegung erreicht die Macht. Allenfalls jede hundertste erreicht ein Zehntel ihrer ursprünglichen Ziele.

11. Mai 2016
Den Mut bewahren, die eigene Haltung zu behalten. Die Meister der HALTUNG VON MENSCHEN fürchten die wahrscheinlich Verlorenen und aus Verzweiflung Mutigen, weil sie selbst nur Interesse haben an ihrem eigenen Fortvegetieren und ohne Garantie sind, daß sie in all ihrer Erbärmlichkeit davon- und durchkommen werden.

10. Mai 2016
Der Mangel an Brennbarem ist weniger fatal als der Mangel an Feuer.

9. Mai 2016
Wir sind nichts ohne unseren Glauben. Aber der muß kämpfen und er muß bekämpft werden. Er muß sich behaupten, um uns etwas zu sein.

8. Mai 2016
Sich zu kennen lähmt.

7. Mai 2016
Der Junker und der Dandy bleiben sich stets fremd, auch wenn es Berührungspunkte gibt. Es kann sein, daß sie sich am Spieltisch treffen, aber der Junker kämpft gegen die Versuchung, und er stemmt sich gegen den Boden, den er unter sich verliert. Der Dandy bemerkt mit feinem ironischen Lächeln die Spuren von Erde an den Stiefeln des Junkers und seinen Blick durch die kreisende Kugel hindurch auf zu gewinnendes oder zu verlierendes Land. Der Dandy, der immer ein verhüllter Plebejer bleibt, kämpft als Spieler, der Junker als Kämpfer. Gerade das ist für diesen eine denkbar ungünstige Ausgangslage. Der Dandy spielt mit Worten aus seinen täglichen Anmerkungsakten, der Junker mit sich. Er setzt sich ein. Sein Hochmut ist Stolz auf sich, nicht auf eine seiner glänzenden Facetten. Das gilt für ihn und nur für ihn selbst dann, wenn er endgültig geschlagen und draußen ist.

6. Mai 2016
Nicht zum Bessern der Menschheit schreibt der Moralist, sondern, um – in der Hoffnung, der Stoff, sein Brennstoff, werde ihm nicht ausgehen – über ihre ewigen Sitten und Unsitten zu berichten.

5. Mai 2016
Heiße den Feind willkommen, der schnell weiterzieht.

4. Mai 2016
Die Konsistenz politischer Positionen: Fluidum, erstarrt in restlichen abgefallenen Brocken.

3. Mai 2016
Wie sehr die Mordopfer von Höxter und ihre Peiniger erinnern an das, was sich im Lande D vor achtzig Jahren abgespielt hat: Die Glücksversprechungen der Täter, die Hoffnungen der Opfer gegen alle Vernunft, es werde der Endsieg kommen und der unwahrscheinliche bunte Frieden werde geschafft sein, und das in einem der letzten Momente, wo die Flucht noch möglich ist oder der Dolchstoß für die Folterer.

2. Mai 2016
Jede der Wellen glaubt nicht, am Strand oder in der leeren Weite des Meeres zu enden. Und doch ist gerade das ihr Wesen, ihre Quintessenz.

1. Mai 2016
DAS SCHLIMMSTE, WAS ES GIBT: Wer will das sagen? Immer gibt es bekanntlich Fortschritt und Wachstum.


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