Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

Romane · Kurze Prosa · Lyrik · Essays · Kinderbücher · Theatralisches
Künstlerische Photographie · Kopier-Kunst · (Material)Bilder



TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018 (siehe unter AKTUELLES).

30. April 2018
Es gibt auch Abwärtsstarts.

29. April 2018
Für die meisten Dinge gibt es einen Zeitpunkt des Umschlags in die Unmöglichkeit. Nach ihm erscheint ein Verwirklichen oft genug zwar schwierig, aber nicht ausgeschlossen. Welch ein tragischer Irrtum!

28. April 2018
Kannst du das Feuer austreten - hin zu ihm. Kannst du es nicht, fliehe so schnell und so weit du kannst.

27. April 2018
Die Opposition ist eingepreist im absackenden Stillstand, aber ihr genügt es meist, mit äußerster Anstrengung den Wühltisch allerneuester Wertlosigkeiten zu umrunden.

26. April 2018
„Hier bin ich“, sagte der Mann, „erst dann, wenn ich bewiesen habe, daß ein HIER existiert.“ „Aber wie willst du wissen“, antwortete ihm der Zweifler, der für sich selbst eins gerade sein ließ und null doppelt soviel, „daß Existieren existiert? Was weißt du vom Existieren des Existierens?“ „Nichts“, antwortete der Mann, „vielleicht bin ich nicht oder ich bin, aber bin nichts.“ Sie beschlossen, zunächst einmal essen zu gehen und die Gedanken zu vertagen auf einen späteren Abend.

25. April 2018
Es gibt eine Pflicht, auszuharren in der offenkundigen Aussichtslosigkeit. Es gibt eine Pflicht, unbedingt zu überleben. Geraten diese beiden über Kreuz, bleibt nur die Wahl zwischen zwei halb falschen Entscheidungen, zwischen Verrat und Verrat.

24. April 2018
Wie klar das Reine ist. Wie arm alles Klare ist.

23. April 2018
Konsequent bleiben – in den vielen Wendungen und Zickzack-Schleifen. Die erste Kugel trifft meist den, der berechenbar war.

22. April 2018
Als Hölderlin sollte man es vermeiden, Goethe zu treffen. Man sollte einen Nutzen kreativer Kooperation mitbringen wie Schiller oder einen mythischen Abglanz wie Napoleon und nicht die Aura der Jugend und der Katastrophen.

21. April 2018
Es gibt Menschen, die wünschen sich geheizte, herzerwärmende Statuen. Aber deren Natur und Schönheit ist die marmorne Kühle. Man muß in der Prosa Paul Ernsts unter die Haut, hinter die doppelten Böden gelangen, um diese kalte unprätentiöse Dichtung zu erfassen und zu lieben. Sie leidet mit den Muttermördern oder den verlorenen Greisen, aber sie verschweigt zum Glück ihr Mitleid.

20. April 2018
Wir erhalten, wenn wir sie denn nicht verwerfen oder nach kurzer Zeit fallenlassen, eine Stafette und einen allgemein gehaltenen Marschbefehl, aber kein Kartenmaterial und keine Wegbeschreibung. Auf einem unvollkommen gebahnten und oft genug im Gestrüpp verschwindenden Pfad versuchen wir vorwärts und an ein vage leuchtendes Ziel zu gelangen. Es wäre leichter, gebunden und gesichert zu sein. Es wäre leichter, ganz frei zu sein und eine Welt neu zu erschaffen.

19. April 2018
Wir sind nicht einmal WIR. Wir sind eine Aufreihung von Ichs, die erst noch etwas zu werden versuchen.

18. April 2018
Zwischen den Stühlen kommt man dem Boden näher.

17. April 2018
Der Raum vor dem Innersten: Nur angreifbar durch mich selbst.

16. April 2018
Nur ein scharfer Spötter sieht scharf. Dem weichen, lyrisch verschwimmenden Wilhelm Raabe, der nicht einmal zu Unrecht in dem Erfolg Wilhelm Buschs ein Krisen- und Verfallszeichen sah, fehlte dessen ätzende Ironie und dessen stringenter Durchblick. Einig waren sich beide darin, das Morgenrot eines Jahrhunderts der Massaker und Untergänge zu erleben.

15. April 2018
Gegen die Barbarisierung das Reservat, das Réduit des Aristokratischen verteidigen: Uncool und kalt sein, wo die anderen ihre Lauheit als Heißblütigkeit maskieren, unpositiv nüchtern und zersetzend, leidend und mitleidlos, hart und zerbrechlich. Aristokratische Plebejer und plebejische Aristokraten stellen sich lachend und verachtend gegen die intellektuelle Auszehrung und die Verbalisierungsflatulenz. Der BRANCHE, diesem toten Ast des Handels mit Vakua und Nullsummen, haben sie nichts zu bieten als Unverkäufliches und Unbezahlbares. Das Kosmetikstudio AVANTGARDE lassen sie hinter sich zurück.

14. April 2018
Die erste schnelle Antwort: Ehe die Frage aufgenommen wurde.

13. April 2018
Geschliffenes benötigt Zeit.

12. April 2018
Es macht den Schreiber aus, vieles zu schreiben, Gedachtes und Gedankenloses. Der Denker schreibt weniger als er denkt.

11. April 2018
Für den Häftling erscheinen die freien Tage vor der Hinrichtung als Hohn.

10. April 2018
Selbstlos: Ohne dein Selbst ist nichts von dir vorhanden, ist dein Beitrag gleich Null und nichtig.

9. April 2018
Wir alle fürchten den Tod. Aber nur Ehrfurcht hilft uns – der Respekt im Blick zurück auf die endlosen Reihen unserer Vorgänger.

8. April 2018
Es mag sein, daß wir die Letzten sind. Zumindest besser, die Letzten zu sein als das Letzte.

7. April 2018
Die meisten Tiere sind wenig fremdenfreundlich. Sie halten im übrigen mehr als eine Armlänge Distanz.

6. April 2018
Wer etwas zu sagen hat, kann mehr als ein Wort sagen. Er kann es bei wenigen Worten bewenden lassen oder bei vielen.

5. April 2018
Wer glaubt, weiß vielleicht und gewinnt in diesem Falle etwas für sein Wissen (das Wissen um die Grenzen des Wissens). Wer weiß, glaubt vielleicht und gewinnt in diesem Falle nichts für seinen Glauben. Der Glaube setzt nur ein einziges Wissen voraus: das Wissen um unser Nicht-Wissen.

4. April 2018
Wie sinnlos es ist, einen Kampf zu kämpfen, der nicht zu gewinnen und nicht einmal auf Dauer zu einem UNENTSCHIEDEN zu bringen ist! Wenn denn dein Kämpfen einen Zeitgewinn erbringt und ein Mehr an Glück, dann kämpfe, als ob du kämpfst.

3. April 2018
Nicht, daß es schrumpfte oder erstarrte – das Geheimnis wächst in der Zeit.

2. April 2018
Ohne den Zweifel reduziert sich der Glaube auf Meinen und Behaupten.

1. April 2018
Wie läßt sich die eigene Unvollkommenheit besser demonstrieren als mit der Behauptung, etwas Vollkommenes zu vertreten?


 zum Seitenanfang