Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

Romane · Kurze Prosa · Lyrik · Essays · Kinderbücher · Theatralisches
Künstlerische Photographie · Kopier-Kunst · (Material)Bilder



TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017 (siehe unter BÜCHER).

30.November 2017
Wir erzeugen Wunder durch unseren Glauben an das Unmögliche.

29.November 2017
Noch gefährlicher und verheerender als die, die am Sieg zweifeln, sind die, die den Sieg als sicher ansehen.

28.November 2017
Es sind Sekunden von Tagen, die wir uns aufzeichnend aneignen. Mehr nicht.

27.November 2017
"Du hast nicht gehört, was ich gesagt habe, du hast nicht gesagt, was ich gehört habe. Immerhin haben wir anschließend gemeinsam geschwiegen."

26.November 2017
In jedem neuen Versuch die Vergeblichkeit, etwas Unwiederbringliches für sich zu erobern.

25.November 2017
Der Kunstmarkt erreicht die Kunst nicht, auch wenn er einzelne Künstler zu kastrieren vermag.

24.November 2017
Die Steine, die unter Wasser verschwinden, gehören vielleicht zu einem Fundament. Aber sie bleiben angewiesen auf das, was ihnen folgt, um ungesehen etwas ins Licht zu bringen.

23.November 2017
Der Anspruch, einen Menschen retten zu können, ist kaum zu erfüllen. Es versucht zu haben, ist auch hier genug.

22.November 2017
Nur im Verschwinden des Lebens, etwa im Abfall der Blätter, zeigt sich die einfache wahre Gestalt,

21.November 2017
Auf die Frage, warum wir schreiben, gibt es keine Antwort. Beziehungsweise nur zahlreiche Redensarten.

20.November 2017
Das Ausufern der Mitte läßt diese, die doch nur ein schmaler Grat zwischen den Abgründen sein kann, verschwimmen und verschwinden in nebelhafte Nichtigkeit.

19.November 2017
Die Taubstummen in die Beschwerdeabteilung, die Blinden ans Steuer, aber das Staatsschiff am Museumspier vertäut und geschützt gegen jede Irrfahrt.

18.November 2017
Warum haßt du dich so, daß du dich für häßlich hältst, daß du dich bestrafen willst mit dem Zustand deines Körpers?

17.November 2017
Die Fratze des Bösen ist ein Spiegel, dein Spiegel für dich.

16.November 2017
Nicht alles können wir verstehen, nicht alles billigen. Diejenigen, die eine Neuauflage der dreißiger Jahre wollen, ob nun westeuropäisch faschistisch oder osteuropäisch sozialfaschistisch, werden wir nie verstehen und niemals schonen können.

15.November 2017
Die Gewalttäter verraten uns, die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten für Jerusalem, die sie als vorwand für Gewand nehmen, sei ein Akt der Gewalt.

14.November 2017
Die Verlorenen pokern am höchsten.

13.November 2017
Die seltsame Hoffnung, nicht allein zu sein in den Weiten. Die seltsame Angst, das da etwas wartet, das nach uns sucht.

12.November 2017
Hoppers Bilder: Das Gefühl, das Leere erzeugt, ist nicht leer.

11.November 2017
Sollten wir nicht, ehe wir den Kopf aus der Deckung heben, uns so die Sterbesakramente geben lassen, wie es mit jenen jungen syrischen Christen aus dem Tur Abdin, die zur türkischen Armee einberufen wurden, geschah? Keiner von ihnen starb im Krieg, aber viele von ihnen durch Unfälle und aus unerklärlichen Ursachen.

10.November 2017
Am Ende nur zwei Arten von Provisorien: die ehrlich-offenen und jene, die von sich behaupten, überzugehen in ein endloses Andauern.

9.November 2017
Du hältst die Augen offen und willst in dich schauen.

8.November 2017
Die Ununterbrochenheit des Streites bis zu seiner vollkommenen Erschöpfung (wenn alles gesagt ist und nichts über das Gesagte hinausreichen könnte) führt zumindest heran an den Frieden.

7.November 2017
Wie pervers es ist, vom Künstler ein moralisch einwandfreies Verhalten zu verlangen! Man mag sich dieses wünschen, aber niemals darf man es zur Bedingung machen. Hierin zeigt sich Haß auf das Göttliche und Auflehnung dagegen, denn jeder weiß, wie schweinisch sich immer einmal wieder schon die antiken Götter in den Mythen zeigten. Man mag den Künstler bestrafen, wenn es unbedingt sein muß (der berühmten Gerechtigkeit und Gleichberechtigung gegenüber den Nicht-Künstlern zuliebe), aber man hindere ihn um Gottes willen nicht an seiner Arbeit. Diejenigen, die James Levine auf Verdächtigungen hin ausgestoßen und ausgeschaltet haben, sind die wirklichen Verbrecher.

6.November 2017
Vor die Wahl gestellt, sich zu verraten oder einen anderen Zellhaufen (eine Mehrheit von Zellhaufen), sollte man für sich und bei sich bleiben.

5.November 2017
Du kannst für jemanden träumen, aber niemals kannst du seinen Traum träumen.

4.November 2017
Was ist Vermessung anderes als Vermessenheit?

3.November 2017
Wie das Saufen und Fressen den Genuß zerstört, zerstört die Willkommenskultur das Willkommen-Sein.

2.November 2017
Es ist nicht ihr Land.

1.November 2017
Es gibt eine Vergewaltigung eines Fremden zum Gast.

31.Oktober 2017
Die Zeit zieht die Schlußstriche. Wie die Zeit ist: Fließend, verschwommen, löcherig und im Übergang.

30.Oktober 2017
Daß sich eine Vorhut verläuft, in eine ausweglose Sackgasse gerät, scheint doch immerhin möglich. Daß der Gang der Dinge eine Richtung annimmt, bei der die einstigen Vorleute entweder tot (und damit von allem frei und erledigt) sind oder aber verzweifelt in unbegreiflichen und unbegriffenen Spuren nach einem Ausweg suchen, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen.

29.Oktober 2017
Weise die Leichtmatrosen täglich darauf hin, daß Kraft Gewicht voraussetzt.

28.Oktober 2017
Wir sollten auf die gegnerischen Frontformationen schauen. Vor allem, um deren Durchschlupflücken zu entdecken.

27.Oktober 2017
Der Genuß an einem ausgebliebenen Kampf ist das Gefühl, das wir ihn sicher gewonnen hätten, wenn es dazu gekommen wäre. Tartarin ist der Säulenheilige unserer Epoche.

26.Oktober 2017
Wir fahren auf Brücken zu, die immer schmaler werden. Vielleicht könnten wir sie gerade noch mit einigen Schrammen passieren, käme uns nicht einer entgegen, der in unserer Situation ist und der uns vielleicht sogar ausweichen würde, wäre dazu Raum.

25.Oktober 2017
"Bis an diesen Zielpunkt bin ich gelaufen." "Du bist bis an diese deine Grenze gelaufen.Du hast dich nicht einmal überholt."

24.Oktober 2017
Wie der, der allenfalls für einen Augenblick mit dem Gedanken spielte, hinabzuspringen, unfähig ist, die Selbstmörder nachvollziehend zu verstehen und ihnen ihre Schwäche, ihren Verrat am Leben zu verzeihen.

23.Oktober 2017
Wie belanglos, wie lächerlich das WIE angesichts des DASS – ob nun einer dumm oder klug stirbt, ob er richtig zu sterben zu wissen meint und es entsprechend versucht oder nicht.

22.Oktober 2017
Wer wäre denn in der Lage, Bedeutendes zu schaffen, allein angetrieben von der Sonnenenergie der hellen Seite?

21.Oktober 2017
„Unsere Politiker“. Besitzen wir, die Bürger des Staates, die auch diesem gehören sollen, diese Funktionsträger? Fühlen sie sich uns zugehörig und verpflichtet, lassen sie sich von uns bestimmen wie das Opfer vom Täter?

20.Oktober 2017
Aus einem Feind einen Freund zu machen, ist unendlich schwer, aber nicht unmöglich. Nur eines steht fest: Ihn einen Freund zu nennen genügt nicht. Es schadet aber auch solange nicht, wie ich mir klarmache, was er hier und heute in der Hauptsache ist und wie Freund- und Feindschaft sich bei ihm entwickeln.

19.Oktober 2017
Die Begeisterung für den Kampf gegeneinander bei den kleineren Gegnern eines großen Feindes ist auf beiden Seiten Begeisterung für zweifachen Selbstmord. Erste Bedingung ist, die Gegner den Punkten einer Tagesordnung zuzuordnen und diese strikt einzuhalten – geleitet von der Grundüberzeugung, durch Versöhnung zu gewinnen.

18.Oktober 2017
Von den schweigenden und unfruchtbaren Adlern wird man jetzt und in Zukunft nichts hören.

17.Oktober 2017
Auch (nicht nur, nicht zuerst) über Defizite sprechen. All die Defizite der Großen: Der in Kulturrezeption und politischer Analyse arg beschränkte Pound, der seinen Konflikt mit dem Vater bis zuletzt nicht bestehende Benn (unfähig zur Vergebung ermöglichenden Äquidistanz), der sich sektenhaft stilisierende und sich zum Styliten verurteilende Otto zur Linde – die Liste ist beliebig ergänzbar, auch in den Alltagsdingen (die Hundefeinde Goethe und Benn).

16.Oktober 2017
Abgesehen davon, was die gewollte oder ungewollte Kinderlosigkeit ihm selbst oder der Welt um ihn herum bringen mag, es bleibt ein Defizit und ein Nicht-Erfüllen eines Programms, das die einen der Natur und die anderen Gott zuordnen.

15.Oktober 2017
Der Mensch ist das Wesen, dessen Gedankenhorizont seinem Handlungshorizont disproportional ist. Über die Ewigkeit hinweg denkend, selbst als Kolonisatoren allenfalls einige Millionen Jahre lebensfähig.

14.Oktober 2017
Die wahrscheinlich zutreffende Botschaft ist keine frohe.

13.Oktober 2017
Im Alter zum ersten Glauben zurückzukehren: Der kindliche Kindertraum derer, die bleiben, was sie geworden sind. Die gepackten Koffer verstauben.

12.Oktober 2017
Wenn aber der Versuch, sich selbst nicht zu verraten, schon mit diesem ersten Verrat gescheitert ist. da du mit jedem Verrat dich verrätst? Wenn du dich nur an einem halten kannst, an deinem Verrat?

11.Oktober 2017
Gerettet zu werden grenzte an ein Wunder.

10.Oktober 2017
Der passendste aller Reime: Das Versprechen brechen.

9.Oktober 2017
Wir aber, wir hätten, wäre es die Zeit und der Auftrag gewesen, auch in Waldheim zu Gericht gesessen und in der Lubjanka die Exekutionen beaufsichtigt.

8.Oktober 2017
Daß ein guter Mensch etwas tut oder tun will, macht dies nicht gut. Ebensowenig wie Förderung einer Angelegenheit durch einen Schurken diese per se verbrecherisch macht. Daß die USA zeitweise bestimmten Kurden helfen, sagt viel über die USA und wenig über diese Kurden.

7.Oktober 2017
Wird es eine Zeit geben, in der wir Gesualdo hören ohne den Schauder von Liebe und Mord, in der wir Brechts fliegende und flirrende Gedichte sprechen, ohne das Blut zu spüren, das nicht erst 1953 an seiner Schreibhand klebte? Er hatte nicht einmal den mildernden Umstand, eine isolierte Altersmonade zu sein wie Knut Hamsun in den vierziger Jahren oder wie der geheimrätliche Gerhart Hauptmann nach 1933.

6.Oktober 2017
Chamisso konnte, was er als unwiederbringlich verloren ansah, so leicht verloren geben, weil er es ererbt und nicht durch Arbeit erworben hatte. Nur das kämpfend Geschaffene erscheint uns als ganzer Raub.

5.Oktober 2017
In sich verloren. Jede Tiefe gibt keinen Halt oder nimmt ihn sogar, bis unten, bis zuletzt.

4.Oktober 2017
Daß die Ehrlosen das Wort EHRE verschwinden lassen wollen und mit ihm ihre Ehrlosigkeit – wen sollte es verwundern?

3.Oktober 2017
Niemand kann sich seine Zeit aussuchen. Es gibt Jahre, wo die eigenen Verteidigungsbarrieren einen beim Vorstürmen und Angreifen behindern, und es gibt Jahre, wo zuallererst die Mauern verstärkt und bemannt werden müssen.

2.Oktober 2017
Wer sich fragt, ob er desertieren darf, der ist noch kein Deserteur.

1.Oktober 2017
Der Deserteur benötigt Hilfe bei der Flucht, kein Mitleid und kein Denkmal.


 zum Seitenanfang