Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019 (siehe unter AKTUELLES).

31. Mai 2019
Wer auf einen Verteidiger wartet, wer sich nicht zum Verteidiger und Richter in eigener Sache erklärt, der hat schon sein Urteil über sich gesprochen.

30. Mai 2019
Meine Frau gehört zu mir - sie gehört mir so wenig wie mir mein Land gehört.

29. Mai 2019
Hätte ich mir nie widersprochen, wäre ich nahe null geblieben.

28. Mai 2019
Ohne Gegensatz erübrigt sich die Diskussion.

27. Mai 2019
Ideologie entsteht als sogenannte WELTANSCHAUUNG durch Eliminieren der Welt aus dem Angeschauten und anschließender Verweigerung des Anschauens.

26. Mai 2019
Als der Palast von den Aufständischen in Brand gesetzt wurde, bat der König einen eben freigelassenen Aufrührer, die Menge zu Frieden und Gewaltlosigkeit aufzurufen. Der aber trat vor die Menge und sagte lediglich; „Meine Freunde, was soll ich euch sagen? Ihr seid allein. Ihr habt bezahlt und werdet für alles bezahlen. Ob ihr geht oder bleibt – ihr bleibt ihr.“ Dann schwieg er und entfernte sich durch die schweigenden Reihen.

25. Mai 2019
Wanderer, die gefahrlos wandern wollen und sich eine belohnende Finanzierung ihrer Umzüge von ihren Auftraggebern erwarten, haben das glimmende Feuer unter ihren Füßen.

24. Mai 2019
Sie glauben, den Selbstschutz verboten zu haben, werde sie schützen.

23. Mai 2019
HOSTOPHOBIE, die krankhafte Verweigerung des Verehrens der jeweiligen Feinde, erscheint den Amtsseelenärzten als fluchwürdige Seuche.

22. Mai 2019
Mancher glaubte, die Explosionen des 11. September hätten die Schlafenden länger als für ein Intermezzo geweckt. Für viele wurde es ein Anlaß, denen Dank auszusprechen, die ihre Bomben für eine spätere Verwendung zurückhielten.

21. Mai 2019
Es ist hohe Kunst erforderlich, von halben Feinden eine abwartende Haltung des Nicht-Eingreifens zu erreichen, halbe Freunde zu nicht nur halbherziger Hilfe zu bewegen und die Freunde fest zu umarmen.

20. Mai 2019
Wenn die Mehrheitsverhältnisse ins Rutschen geraten, ist die Debatte über äußere Feinde ein Ablenkungsmanöver.

19. Mai 2019
Bei verdoppelter Zahl und halbierter Leistungsfähigkeit: Wie sollen da Hunger und Mangel an allem ausbleiben?

18. Mai 2019
Notwendig zerstören die Eiferer von innen her das, wofür sie zu brennen meinen. Niemand hat der katholischen Kirche mehr angetan als die Inquisitoren und die ursprungsnahen Jesuiten.

17. Mai 2019
Das Gerede mit Vertretern einer winzigen randständigen Minderheit der Gutwilligen und Utopisten ersetzte ihnen die Vorbereitung auf den tatsächlichen Kampf mit tatsächlichen Feinden.

16. Mai 2019
Nach Nichteintritt der Katastrophe zum jetzigen Zeitpunkt beschlossen sie, den Katastrophenschutz abzuschaffen.

15. Mai 2019
Als der brave Bürger den gerade ausgeraubten Anarchisten auf ein Bier traf, waren sich beide einig, daß man zu selten Polizisten in ihrer Gegend zu sehen bekäme.

14. Mai 2019
Jene fünfzig Prozent, die beim Fall der Mauer weinten: Sicher die meisten vor Glück, aber wieviele gab es, die ihre Schwestern und Brüder aussperren wollten in der anderen Hälfte des Landes?

13. Mai 2019
Ein gemäßigter, pragmatischer Autismus hilft, unter Einsamkeit nicht oder doch eher wenig zu leiden.

12. Mai 2019
Wir glauben zu wissen, daß im zentralen Archiv eine nur in einem einzigen Exemplar vorhandene Schrift zu finden ist, die alle Antworten auf alle unsere Fragen enthält. Aber als wir dort sind, ist zwar der Titel im Bestandskatalog zu finden, aber das gute Stück ist unauffindbar. Sollen wir das Heft lesen, das an dem Platz des Gesuchten einsortiert wurde?

11. Mai 2019
Wäre nicht schon vieles gewonnen, wenn wir zugeständen, daß eine bestimmte unserer Handlungen weder ganz richtig noch ganz falsch ist, wenn wir begründeten, wie unsere vorherige absolute und absolut falsche Einschätzung unseres Tuns zustandekam und wie wir auf den allfälligen Wandel der Bewertungen im Laufe der Zeit reagieren wollen?

10. Mai 2019
Brauchen wir ein Recht auf eigenes Denken? Statt einfach zu denken?

9. Mai 2019
Wer gleich zu sterben beschließt, macht weniger Schwierigkeiten und Ärger.

8. Mai 2019
Jede Verteidigung erscheint dumm, brutal, überflüssig, unter Blick auf die Ewigkeit aussichtslos.

7. Mai 2019
Literatur entsteht immer aus einem Scheitern im Leben und einer halben Revanche dafür in bearbeiteter, durch einzelne Siege geschönter Erinnerung.

6. Mai 2019
Es gibt drei Arten von politischen Problemen: Die einen, die niemand, nicht einmal die Politiker lösen können; diejenigen, die die Politiker erfolgreich verschlimmern und zum dritten diejenigen, die die Politiker nicht lösen wollen.

5. Mai 2019
Man kennt sie, man kennt die Menschen. Eine Userin schreibt auf Twitter: „Meine Tochter war 1 Jahr alt und ich wußte, daß ich sie mir finanziell nicht leisten konnte. Sie umzubringen war die schwierigste, schmerzhafteste, persönlichste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Daß die Regierung sich in solche privaten Angelegenheiten einmischt, ist lächerlich. #youknowme“

4. Mai 2019
Es ist mehr als angemessen, wenn sich ein Überfallener schnell und ohne Bedenken zur Wehr setzt und wenn dem Räuber nur geringe und löcherige Schutzgesetze eingeräumt werden. Die Freiheit, die sich das Opfer in seinem Abwehrkampf nimmt, ist ein sicheres Zeichen nicht allein für dessen Chancen, sondern für die Ernsthaftigkeit des Versuchs.

3..Mai 2019
Es muß nicht schaden, ein überraschender Gast zu sein, falls man willkommen ist und sich wie ein guter Gast aufführt. Unwillkommenen Gästen ist zu empfehlen, an der Tür zu bleiben und den Fluchtweg im Blick zu behalten.

2. Mai 2019
Auf die Dauer kann eine Ideologie, die ihre Unfehlbarkeit behauptet, nur einem Unfehlbaren nützen.

1. Mai 2019
Wer über die Grashalme stolpert, sollte den Rasenmäher anwerfen.

30. April 2019
Was geschieht mit denen, mit denen nichts geschieht?

29. April 2019
Geben wir uns damit zufrieden, Gedanken des Unendlichen zu haben und Gefühle des Unendlichen, endlich und schräg vorbei die einen wie die anderen. Wir haben Hände, in denen wir nichts haben und werden sie nicht immer haben.

28. April 2019
Dier entscheidende Frage dürfte sein, was aus Gewalt und Terror nach dem Regierungsantritt wird.

27. April 2019
Gab es je einen Unterdrücker, der die Befreier freundlich begrüßte?

26. April 2019
Die herrliche Ungleichheit der Begabungen und der Leistungen.

25. April 2019
Vielen Dank für Ihren dummen Vorwurf - Sie haben sich mir bekannt gemacht.

24. April 2019
Bezahlen wird der, der behauptet, nichts schuldig zu sein.

23. April 2019
Ich bestehe darauf, ein Fremder von hier zu sein.

22. April 2019
Welcher Eindringling will gefragt werden, wann und von wo er eingedrungen ist?

21. April 2019
Über das WIE des Lebens läßt sich verhandeln. Aber über das OB?

20. April 2019
Reich als bewußte Bettler.

19. April 2019
Jedes Verlangen nach einer anderen Einrichtung der Welt ist die lächerliche Selbstüberhebung eines Kurzzeitgastes, der sein Quartier vollständig umbauen lassen will.

18. April 2019
Die Vollkommenheit des Leidens in der Welt, mindestens die Vollkommenheit des Sterbens aller ist genug Beweis für die Vollkommenheit Gottes.

17. April 2019
Um sich nicht zu ändern, ändern sie ihr Leben.

16. April 2019
Mitleid erfaßte die Zeitgenossen, als mehrere Mitglieder eines berühmten Mafia-Clans getötet wurden. Sie beschlossen, als Zeichen ihrer Solidarität einen ganzen Tag lang jene lächerlichen rosa Hüte zu tragen, die eine ewiggültige Satzung allen Familienangehörigen dieses Clans vorschrieb. Als die Mafia die Macht im Lande an sich gerissen hatte, wurde allen Solidarischen mit folgender Begründung die Hutpflicht auferlegt: Sie hätten diese damals selbst gewählt und seien insofern eingeübt in ihre Erfüllung.

15. April 2019
Als Romancier unzuständig für Romanzen und dafür, wie die Welt sein sollte. Nur betroffen davon, wie sie ist.

14. April 2019
Je harmloser die Zeiten, um so eher setzt sich der Bodensatz der Bewegung durch – diejenigen, die vor den Stürmen in eine schadlose Abseitigkeit geflüchtet waren.

13. April 2019
Durch extreme Beweglichkeit glänzen Menschen ohne Standpunkt unter den Füßen.

12. April 2019
Am schwersten zu finden ist eine Mitte.

11. April 2019
In Lotterien ist der Nutzen des gewinnenden Auftretens arg begrenzt.

10. April 2019
Die Tragik der Fehleinschätzung einer Situation sollte man niemals der Situation anlasten. Die ist, wie sie ist. Nur unseren Blick kann man ändern und wenden.

9. April 2019
Außerhalb der Rettungsboote herrscht selten Platzmangel, aber sehr oft ein Mangel an Menschen, die Platz schaffen und den Weg freimachen.

8. April 2019
Es bewegt sich in einem Graubereich zwischen Komik und Tragikomik, wenn eine katholisch-konservativistische Partei wie die polnische PiS, die in ihrem Parteinamen RECHT und GERECHTIGKEIT aufführt, sich in Korruptionsskandale verstrickt.

7. April 2019
Respekt abstrahiert von allen Zugehörigkeiten und reduziert auf das Wesentliche, auf das ECCE HOMO, den nackten Menschen in seiner unübertreffbaren Größe.

6. April 2019
Wenn Schwerverbrecher, für eine üble und noch dazu verlorene Sache kämpfend, in einem gegebenen Moment das Leben von ohne sie Schutzlosen verteidigen, so zählt nur, ob sie jetzt gerade tapfer und opferbereit sind, nicht was war und nicht, was sein wird.

5. April 2019
Ich achte Karl Hofer als bedeutenden Maler, aber künstlerisch ist er Emil Nolde und dem von ihm (ohnehin nur zeitweise aufgrund einer Falschinformation als „Naziwill“ und „Schweinehund“ titulierten) Franz Radziwill deutlich unterlegen. Das Genie fragt nicht nach dem Parteibuch und den Kategorien der bürgerlichen Welt.

4. April 2019
Unübersetzbarkeiten: Wenn aus dem „Schweinehund“ „the swine“ wird, geht alles verloren, was mit verhohlener Bewunderung unterströmt.

3. April 2019
Nur ein großes Wissen darum, wie wenig es ist, wie verzweifelt wenig.

2. April 2019
Die Berliner Sparkasse wirbt mit dem Spruch BERLINER VERSTEHEN SICH. Aber sie verstehen nicht, wer sie selbst sind und sein könnten, wie sollten sie da einander verstehen?

1. April 2019
Die Beziehungslosigkeit der Menschen vor einem Hotel: Sie kennen sich nicht und stehen nicht miteinander in Beziehung. Wir wissen nicht, wer sie sind und wohin sie gehen.

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