Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019 (siehe unter AKTUELLES).

31. Januar 2020
Es gibt den Vorwurf an Haydn, seine Musik sei nicht hinreichend unmelodisch, zerrissen und häßlich, eben nicht so wie die Welt sei. Von Leuten, die das Apollinische für eine Frage einer Mißwahl der MISS WELT halten.

30. Januar 2020
Die zahllosen, die nicht berechenbaren Kosten sind das wahre Problem.

29. Januar 2020
Im Frieden scheinen Nation und Nationalstaat relativ unwichtig.

28. Januar 2020
Es gibt kein heilsames Schweigen zu Auschwitz. Allerdings gibt es ein krankhaftes Gerede professioneller und gerade deshalb kranker Gedenk- und Begräbnisredner, das heilsamen Widerspruch hervorrufen könnte.

27. Januar 2020
Zu sagen, daß uns eine Angelegenheit rührt, hätte nur dann einen Sinn, wenn wir anschließend uns rühren würden. Nur so beweist sich, berührt worden zu sein.

26. Januar 2020
Gab es für die, die beim Fall der Mauer weinten, nicht unterschiedliche Gründe für ihre Tränen?

25. Januar 2020
Glückliche Zeiten zurückgebliebener Gebiete, als im Kölschen und im Münsterländischen und anderswo zuerst und mit einem gewissen Besitzanspruch der Familienname genannt wurde, als der Einzelne nach dem natürlichen Zusammenhang eingeordnet wurde: Deekens Gerd und Schladens Alwine.

24. Januar 2020
Für die Liebenden sind die liebevollen Verkleinerungen der Superlativ. Das unverkleinerte Normalmaß erscheint ihnen zu lang.

23. Januar 2020
Nur eine gelungene Erzählung, kein Folio-Aktenbündel könnte Jahrhunderte später an die Margarete Spörer, genannt Kirrbäuerin zu Großbärenweiler, erinnern, an ihre Bestrafung wegen Ehebruch mit dem Dragoner Waller, ihre gewaltsame Wegführung durch den Kastner zu Gerabronn und ihre erneute Bestrafung durch Brandenburg-Ansbach. 

22. Januar 2020
Wollten wir nicht leiden, würden wir unsere Mitmenschen überfordern und das Schicksal verhöhnen.

21. Januar 2020
Er behauptete, dem Tod begegnet zu sein und war doch nur gestorben.

20. Januar 2020
Die, die die Verteidigungsmauern immerhin halbherzig verteidigen, soll man lassen, wo sie sind, solange die eigenen Kräfte begrenzt sind und sich darauf konzentrieren, als Stoßtrupp die unmittelbar bedrohten Abschnitte zu sichern.

19. Januar 2020
Wer zur Ermordung oder Vertreibung der eigenen Leute schweigt, wer die Annexionen, die das Land seiner Väter erlitt, beschönigt, hat er ein Recht zur Klage oder Anklage wegen des Schicksals ihm willkommener Gruppen?

18. Januar 2020
Die Schuld des Täters ist unteilbar. Er kann sie mit niemandem teilen. Er kann sie nicht vererben an seine Söhne und Enkel, um sie dadurch zu verkleinern, noch kann er anders denn als lächerliche Ausflucht behaupten, er habe sie von seinen Altvorderen übertragen erhalten.

17. Januar 2020
Niemals und käme es noch so weit herunter erreicht ein Volk die zeitweiligen tiefsten Tiefpunkte an seiner Spitze.

16. Januar 2020
Völlig zu Recht bezeichnete Wladimir Putin Józef Lipski, den polnischen Botschafter in Berlin zwischen 1933 und 1939 und späteren Außenminister der Exilregierung Polens, als „antisemitisches Schwein“. Dieser Schreibtischtäter mit aufgeschwemmter Physiognomie bemerkte 1938 zu den Plänen der Nazis, die Juden nach Madagaskar umzusiedeln, man werde Hitler dafür in Warschau ein Denkmal errichten. Ironischerweise steht sein Namensvetter Jan Józef Lipski für das krasse Gegenteil: die Analyse und Abwehr des immer schon mörderisch und antisemitisch durchseuchten polnischen Chauvinismus. Als wäre im Dritten Reich ein Ignaz Hitler oder ein Siegfried Hitler in ein KZ eingeliefert worden.

15. Januar 2020
Die Mörder waren Unterlegene und Gescheiterte. Sie liebten und achteten sich selbst nicht genug. Wäre dies anders gewesen, hätten sie ruhig und kalt die Niederlage ihres Landes ertragen - wie etwas Fremdes, wie ein amputiertes, den Wölfen und den Würmern überlassenes Körperteil. Sie hätten keine Schuld empfunden und keine Schuldigen im eigenen Haus gesucht. Sie wären glücklich mit sich, mit ihrem eigenen womöglich aussichtslosen Kampf.

14. Januar 2020
Ein Rundfunkjournalist des WDR verrät den Hörern,daß „unsere Vorfahren“ die Tötungsfabrik Auschwitz gebaut haben. Leider sagt er nicht, wer außerhalb seiner Familienahnen sonst noch damals mit dabei war. Meine Vorfahren waren es nicht. Sie standen mit vielen anderen Deutschen als potentielle Opfer in einer nach dem Endsieg zu behandelnden Warteschlange.

13. Januar 2020
Die Mörder haben keine Sprache, gerade deshalb greifen sie zum Mord.

12. Januar 2020
Es sind in aller Regel die Haushälterinnen und Chauffeure der Mächtigen, die von den siegreichen Umstürzlern ermordet werden. Ihr Schicksal sollte man beklagen und anprangern.

11. Januar 2020
Mitleid mit den Mächtigen zu zeigen ist ein Luxus, den man auf die Zeit begrenzen sollte, wenn sie alle Macht verloren haben.

10. Januar 2020
Wenn wir fragen, was wir sind, sollten wir zuerst fragen: Sind wir was? Und: Sind wir?

9. Januar 2020
Ein Mörder, der nicht hätte einreisen dürfen und der längst hätte ausreisen müssen – wer wird für ihn abgeurteilt? Auf wen kommt das Blut seiner Opfer? Wer sind die Hinterbliebenen, die für ihn lebenslänglich heran müssen?

8. Januar 2020
Die dummdreisten illegitimen Erben einer von Anfang an nicht gerade unproblematischen Linken quälen uns mit ihren wahnhaften Utopien, aber immer dann, wenn unsereiner ein Ziel formuliert, dessen Erreichen naturgemäß in der Zukunft liegt, lamentieren sie, dies sei mit der Realität nicht vereinbar.

7. Januar 2020
Du willst zum Maßstab machen, ob etwas gesellschaftlich akzeptiert ist. Willst du eines Tages hinnehmen, daß der Kannibalismus und die Tötung der Alten allgemeiner Brauch werden?

6. Januar 2020
Wenn ein Mörder der Philatelie anhängt, werden die Untersuchungsbeamten und die Meinungsfabrizierer in der Philatelie sein Motiv sehen und forschen, welche anderen Philatelisten ihm insgeheim zu Hilfe kamen? Werden nicht gerade sein Steckenpferd und seine Sammelgebiete den Blick auf wesentliche Ursachen verstellen?

5. Januar 2020
Sich halten heißt sich verfallen sein.

4. Januar 2020
Der Täter nimmt die Schuld auf sich. Nur er selbst kann sich davon erlösen und sie aufheben und nur, indem er sich vergibt, nach der schnellen ersten in einer zweiten alles erschütternden und erneuernden Vergebung. Diese aber ist eine Gnade.

3. Januar 2020
Tat und Schuld sind Synonyme.

2. Januar 2020
Der Täter wird sein Opfer.

1. Januar 2020
Haben wir auf etwas anderes Anspruch als das unsere als auf unseren Glauben?

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