Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018 (siehe unter AKTUELLES).

30. November 2018
Ich verteidige die Wölfe – in der Wildnis.

29. November 2018
Es ist entscheidend, sich hinter den Maskeraden exakt anzuschauen.

28. November 2018
Warum man dort ist, was einen antrieb dahin, ist weniger wichtig, als vorwärts zu fliehen. Es gibt immer einen Grund in allen Fluchten – den Grund, den man am Ende ganz unten erreicht.

27. November 2018
Keinem „Ismus“ zu unterliegen, nie ein „Ich bin“ gewesen zu sein – welch ein Glück liegt in dieser sicheren Distanz und selbstgewissen Verlorenheit!

26. November 2018
Jenseits eines platten Dualismus unüberwindlich-exakter Trennung zwischen Gut und Böse trennt ein Graben jene, die auch die ihnen wenig gefallende Kunst und die arg partiellen Einsichten ihrer politischen Gegner anerkennen als Teil des großen Ganzen, von all den Verblendeten und Verkümmerten, denen dies nicht gelingt. Wer als Rechter Hannes Waders oder Franz Josef Degenhardts Lieder (also die tatsächliche Volkskunst der Zeit) wegen der zeitweiligen Nähe ihrer Sänger zur Moskowiter Filialpartei niedermacht, wer von links her gegen Agnes Miegel und Josef Weinheber geifert, gehört definitiv auf die Seite des antikulturellen Mobs. Den Pöbel aller Fraktionen einigt der blinde Haß auf alles, was sein hysterisch-narzißtisches Nullniveau übersteigt.

25. November 2018
Wer behauptet, das kulturelle Leben im Rheinland zu bereichern, hält sein Konto für das kulturelle Leben der Region.

24. November 2018
Von den meisten Filmen bleibt nur der schnelle Wechsel leuchtender Farben.

23. November 2018
Der rechte Winkel, ein Ausnahmefall in der Natur, ist in den Gebäuden ein Ausrufezeichen und der Wiederherstellungspunkt unserer Rationalität. Die Rückkehr zu den kurvigen Lebensformen in der Architektur des Jugendstils läßt das Schwellende und Schwingende frei.

22. November 2018
Man kann mit und ohne Gen-Schere aus dem Menschen einen Affen machen.

21. November 2018
Gott ist immerhin eine Möglichkeit. Die Herren der Welt (oder oft genug eher einer kulissenhaften Vor- und Theaterwelt)- der zerrissene und schwankende Willy Brandt, der versteinerte Helmut Schmidt, der große und dicke Bub aus Oggersheim und erst recht unter und hinter ihnen der tragische schwarze Clown aus Braunau am Inn – haben sich unmöglich gemacht. Sie schufen sich nicht, sie wurden gemacht und mir genügt es, sie als unmöglich zu empfinden.

20. November 2018
Daß sie den Massenmord überlebten, macht Gauner und Verbrecher nicht zu besseren Menschen, sowenig es den Massenmord weniger gräßlich machte, hätten sie nicht überlebt.

19. November 2018
Die Abstraktion eines Gefühls kann niemals ein Gefühl sein.

18. November 2018
Sich einer Regel zu unterwerfen ist allenfalls ein lustloser Erfolg gegen unser Selbst. Eine Regel zu durchbrechen ist ein lustvoller Erfolg für uns selbst.

17. November 2018
Die Verhinderung des Verbrechens ist eine Schutzmaßnahme für den Verbrecher.

16. November 2018
Mit allen Freund zu sein ist die aussichtsloseste Strategie.

15. November 2018
Definitiv abstimmen kann man über Mediokres.

14. November 2018
Recht behalten am Ende nur die, die häufiger NEIN als JA gesagt haben.

13. November 2018
Spätestens, wenn sie endlich hinüber sind, werden die Angepaßten zum Teufel geschickt.

12. November 2018
Karlheinz Deschner, trotz einzelner irrtümlicher Verkennungen (Storm ist ein Genie der untergründigen und hintergründigen Lyrik und der zeitsuchenden Prosa, C. F. Meyer ein Genie der formvollendeten Verknappung in Gedichten und Erzählungen – beide gehören zur Weltliteratur und nicht ins Provinzielle) sehr hellsichtig in seiner Akzentuierung, daß, wer einen Dichter ablehne wegen weltanschaulicher Differenzen, ein banausischer Barbar sei.

11. November 2018
Identität ist Selbst-Sein, die Reproduktion meiner in einem mir Gehörenden. Darum sind die Identitätsverneiner bettelarm und unfähig zum Selbstbewußtsein.

10. November 2018
Kulturabbruch: Das bedeutet zwingend das Austrocknen und Versteinern des schnell getöteten Bisherigen. Die Kinder und der weitergegebene Volksgeist.

9. November 2018
„Das Aufhängen eines christlichen Kreuzes am Arbeitsplatz dürfte ein Indiz für eine Diskriminierung Andersgläubiger und somit nicht erlaubt sein.“ Das erklärte in einem Gastbeitrag der „Rheinischen Post“ am 3. 2. 2007 Judith Pabelick, eine Fachanwältin für Arbeitsrecht, über die Folgen des Antidiskriminierungsgesetzes. Die Christen sind seit mehr als zweitausend Jahren immer wieder die Diskriminierten, die Verfolgten, die Anderen gewesen und sie sind es immer noch und erneut. In diesem permanenten Krieg ist das Kreuz immer ein Feldzeichen gewesen. Soll es heißen OHNE DIESES ZEICHEN WIRST DU SIEGEN ?

8. November 2018
Wie wenig Verständnis wir, die Nicht-Kahlköpfigen und Nicht-Dickleibigen, für die Kahlköpfigen und Dickleibigen haben! Wie fremd sie uns blieben, selbst wenn wir sie kennten!

7. November 2018
Eine bessere Welt: Ein pragmatisches, realistisches Ziel. Die beste aller Welten ist nicht besser, sondern ein maximaler Minus-Wahn.

6. November 2018
Wenn Gott eine Illusion wäre, wäre die immer noch eine tröstliche. Die Gottlosen sind traurig - notwendig und zu Recht.

5. November 2018
Die geringe Zahl ist für sich bereits ein Argument.

4. November 2018
Am äußersten Ende der Sackgasse sprechen sie von Fortschritten, weiterem Vordringen und tieferem Eindringen. In Worten gelingt ihnen dies.

3. November 2018
Die Gegenwart des photographierten Bildes: Es zeugt etwas Gewesenes.

2. November 2018
Die HISTORISCHE VERANTWORTLICHKEIT ist ein unbestimmter, unbestimmbarer Begriff, der sich reduziert auf ein albernes ES WÄRE BESSER GEWESEN, WENN NICHT DIESES, SONDERN JENES GETAN WORDEN WÄRE.

1. November 2018
Ihren Eigenlärm nennen sie Resonanz.

31. Oktober 2018
Die Vernetzten sind Gefangene.

30. Oktober 2018
Ruhestörung ist notwendig, um durch Reibung und Aufprall Wärme zu erzeugen.

29. Oktober 2018
Um sich zu kreisen ist besser, als in sich steckenzubleiben.

28. Oktober 2018
Stehenzubleiben, zu umkreisen, zuzufassen: Ohne das ist das Sichtbare unsichtbar.

27. Oktober 2018
Solange es eine Welt ist: Beschreibe deine eigene Welt.

26. Oktober 2018
Niemand kann dir deinen Weg wegnehmen, niemand kann dir auf ihm im Wege sein.

25. Oktober 2018
Zu Recht kannst du mir vorwerfen: DU KANNST NUR DEINEN WEG GEHEN. Mehr als das können wir nicht – ich nicht und du nicht.

24. Oktober 2018
Der Spalt zwischen Vater und Mutter, die Spannung zwischen ihnen ist notwendig für die Kinder. Die geschlossene Front erdrückt sie. Aber sie müssen dem Trennenden gewachsen sein.

23. Oktober 2018
Immer schon schien es mir, als sei Moral etwas Nützliches, um denen durch das Leben zu helfen, die ihrer bedürfen, um die gesellschaftlichen und staatlichen Prozesse beherrschbar zu halten. Jenseits dieses Funktionierens des Funktionalen scheint mir die Moral weder Autonomie noch Eigenwert zu besitzen. Erst recht spitzt sich dieses Problem zu, wenn es um sekundäre Subsysteme des Moralischen geht wie die Haustierliebe. Es gibt Tierfreunde, besser gesagt Tiervergötterer, die aus tiefster Seele den Hundefeind Goethe hassen, von G. Benn ganz zu schweigen.

22. Oktober 2018
Wir handeln mit Worten – frei von Verantwortung für deren Wirkung auf jene, die sich aufgerufen fühlen, und verantwortlich für das, was wird, ohne daß wir gefragt werden und nachsteuern können.

21. Oktober 2018
Mit Ausnahme derjenigen, die auf den Knien schreiben und derjenigen, die ausschließlich über Bienenflug oder Schraubendurchmesser berichten, ist jeder Autor ein Schreibtischtäter.

20. Oktober 2018
Der Teufel ist und bleibt ein Engel, für sich, für seinen Feind und Herrn.

19. Oktober 2018
Dankbarkeit für unsere Verletzungen, deren Einschmelzung wir ausbeuten und auflösen.

18. Oktober 2018
Die Dauerwerbesendung eines einzigen kurzen Films in Endlosschleife ist nicht wirkungslos. Ihre Wirkung ist die totale Abwehr gegen alles, was vergleichbar scheint.

17. Oktober 2018
Der Bodensatz möchte dauerhaft oben schwimmen.

16. Oktober 2018
Die militanten Befürworter einer nur von Ihresgleichen beherrschten Welt bestehen darauf, sie und nur sie seien zuviel.

15. Oktober 2018
Wir sollten denen Dankbarkeit erweisen, die aus unlauteren Motiven heraus uns unsere Schwächen und Erkrankungen offenbaren.

14. Oktober 2018
Geschliffene Worte ohne Verletzungsgefahr – undenkbar.

13. Oktober 2018
Jede Begünstigung ist, sobald sie allgemein bemerkt wird, eine Schande.

12. Oktober 2018
Bewußt zerstörte Kleidung zu tragen ist ein Symptom einer zerstörten, selbstzerstörerischen Gesellschaft, die sich an ihrer Zerstörtheit weidet.

11. Oktober 2018
Die Fremdheit, die wir beim Nachlesen unseres Geschreibsels Jahre später empfinden, spricht dafür, daß wir mit uns niemals allein oder unter drei sind.

10. Oktober 2018
Eine Krähe hackt zwei anderen vier Augen aus.

9. Oktober 2018
Wir wünschen uns, solange sie uns nicht bewachen und verteidigen müssen, Schoßhunde.

8. Oktober 2018
Es beweist nicht die Richtigkeit der Zerstörungen in den Wäldern, wenn in den Spuren der panzerartigen Holzräuberfahrzeuge ein einzelner Parasol gewachsen ist. So wenig wie eine einzelne Fluchttür in den Vernichtungslagern mehr aussagt als eine Chance nahe der Unmöglichkeit.

7. Oktober 2018
Die Zukunft kann man nur erobern (ohnehin nur verbal und rhetorisch) und nicht verteidigen.

6. Oktober 2018
Unter denen, die vom PÖBEL sprechen, sind genug Selbstbezichtiger. Erst recht unter Null sind jene, die, statt fröhlich zu gönnen, die Reichen ihres Reichtums wegen beneiden.

5. Oktober 2018
Wichtiger, als die Nutzung deiner Zeit und deines Hauses zu planen, ist dein physisches Überleben. Warum sollte das nur für dich gelten, warum sollten Politiker, die nicht die Fortexistenz ihres Landes an den Anfang und in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen, den mindesten Respekt verdienen?

4. Oktober 2018
Dein Garten beweist dir jeden Tag die Überlegenheit der wilden Pflanzen – nicht in ihrer Schönheit, aber in der Selbstbehauptung und Vermehrung.

3. Oktober 2018
Meist scheitern die Armeen an Schwäche und Verrat der Verbündeten und Hilfsvölker.

2. Oktober 2018
Sinn des Zeitablaufs ist, klüger zu werden oder doch die Hoffnung darauf zu haben. Ein anderer zu werden überlaß den anderen.

1. Oktober 2018
Wir kennen uns nicht. Aber – Wachsamkeit und Vorsicht vorausgesetzt – kann man auch mit Unbekannten zusammenleben.


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