Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019 (siehe unter AKTUELLES).

28. Februar 2021
Lieber bei den irrend Kämpfenden sein als bei denen, die aus richtiger Berechnung nicht kämpfen. Lieber mit Irrsinnigen und Krüppeln ein letztes Aufgebot an den Toren der Hölle als ein ausfallendes Leben.

27. Februar 2021
Ihre Sparsamkeit ist die von Menschen, die beim Tippen korrigieren, indem sie schon vorhandene Buchstaben weiterverwenden.

26. Februar 2021
All die Wiedergänger in Deutschland: In dem WDR-Haltungsjournalisten Christof Voigt meint man jenen dubiosen Carl Vogt (anders geschrieben, gleich ausgesprochen) wiederauferstanden zu sehen, den Marx in „Herr Vogt“ mit meisterhafter Polemik als Esel und Verräter entlarvte. Herr Voigt verlangt Haltung gegen leitende Beamte, die an Querdenker-Demonstrationen teilnahmen, denn das Denken, das eigenständige zumal, sei doch dem Beamten untersagt. Dieser habe keine Meinung zu haben, da er doch einen eindeutigen Befehl empfangen habe.

25. Februar 2021
Was wäre das für eine Pointe, wenn Neger die restlichen immer noch weißen Enkel derer regieren würden, die heute das böse N-Wort verbieten wollen!

24. Februar 2021
Grauenhafte Deppen finden, der STRUWWELPETER sei nichts für Kinder, und es sei rassistisch, kohlrabenschwarze Menschen kohlrabenschwarz zu nennen. Was diese lauwarmen Spießbürger nie begreifen werden: Kinder brauchen Abgründe, Kinder brauchen dunkelkammerige Schreckensgeschichten, um zu wachsen und vorwärts zu kommen.

23. Februar 2021
Nicht einmal darüber, ob wir in einem gelben Unterseeboot leben, ist Einigkeit zu erzielen. Wir gehen aber doch alle durch das Untergangstor, über dem JEDEM DAS SEINE steht.

22. Februar 2021
Verlange, wenn du etwas zu sagen hast, das Wort, aber verlange niemals, daß du recht hast oder daß du mehr als einige Fragezeichen kennst, die du vorläufig setzen willst. Verlange niemals, daß man dir zuhört und dir glaubt.

21. Februar 2021
Wer, ehe der andere etwas gesagt hat, in seinem Kopf schon hat, was der andere wohl sagen wird und wem zugleich das passende Gegenargument parat ist, hat fast unbegrenzt Platz in seinem Kopf.

20. Februar 2021
Soll man die beneiden oder bedauern, die von sich glauben, zu hundert Prozent im Recht zu sein? Oder sollte man sie eher als gefährliche Kranke betrachten, mit denen zu koexistieren unvermeidlich ist, aber schwierig bleibt?

19. Februar 2021
Wie sich die Sichten und Sichtungen unterscheiden! Im Fernsehen redet jemand von der umfassenden „Ehrfurcht vor dem Leben“ in Thailand. Aber woher dann die lautlos-toten Gebiete dort, wer hat die Vögel weggefangen, in welchen Töpfen sind sie verschwunden?

18. Februar 2021
Wieviele Menschen KÖNIG heißen. Wieviele Menschen sich wie ein König fühlen.

17. Februar 2021
Die Werber können nicht verstehen, daß du ihr kostenloses Angebot ausschlägst und nicht gestreamt sein willst.

16. Februar 2021
Die vergebliche Hoffnung auf ein Reifen und Sich-Mäßigen: Rentner verschicken Briefbomben. Nur die Demenz kann die Lernunfähigen bessern.

15. Februar 2021
Sei geduldig und warte bei jedem Menschen auf einen ersten eigenen Gedanken. Sogar bei Parteivorsitzern wie Eskia Esken, der Nebenfrau des Genossen Walter.

14. Februar 2021
Kevin Kühnert, das sterile unfertige Produkt aus Arbeitsagentur und Finanzbürokratie.

13. Februar 2021
Jeder Shitstorm macht Wind, damit seine Geschosse leichter und weiter zu schleudern sind. Schweigend wegzutauchen scheint am ratsamsten, um die Werfer mit ihrem Material und ihrem Stallgeruch alleinzulassen.

12. Februar 2021
„Ich könnte manchmal recht haben“ ist eine Aussage, die zutreffen könnte. „Ich habe immer recht“ ist falsch in dem Augenblick, da es gesagt wird.

11. Februar 2021
Der Mahdi ging für sich in die Verborgenheit und er ging, weil er verborgen sein wollte.

10. Februar 2021
Wenn es jemandem etwas bedeutet, in Würde zu sterben, dann soll er sich in Gottes Namen darum bemühen. Den Tod kümmern solche Erwägungen nicht.

9. Februar 2021
Wächst die Zeit an (nur leider ohne und gegen uns) oder sind wir davon partiell mitbetroffen, daß von dem großen Gebirge Steinchen für Steinchen abgetragen wird? Wir wissen es nicht und werden es nie wissen. Zumindest für uns ist es im Ergebnis gleich.

8. Februar 2021
Niemals sieht einer alles. Niemals sieht einer, der dazugehört, fast alles.

7. Februar 2021
Wer dich anschreit, wer auch immer gegen dich anschreibt – nimm es als Gewinn und Ehre.

6. Februar 2021
Willst du dein Haus verpflanzen? Willst du es abreißen und neu aufbauen? Ist selbst den Neuerern mehr möglich als eine Veränderung einer Dachgaube oder ein neuer Fassadenanstrich?

5. Februar 2021
Als Unterdrückter die Herren nicht zu verachten hieße, die Unterdrückung als verdient zu betrachten.

4. Februar 2021
Wie zu Berühmtheit und zu sicherer Identifikation verhelfend eine unangenehme Stimme ist! Beispielhaft und vorbildlich: K. L. .

3. Februar 2021
Wie seltsam unsere Glücksempfindungen sein können: Glücklich, vom Hausmüll befreit zu werden.

2. Februar 2021
Solange du an dich glaubst, trägt dich das Eis.

1. Februar 2021
Wir kennen und verstehen kaum unsere eigene Geschichte. Wir können die der anderen anhören und aufnehmen, was uns bekannt vorkommt.

31. Januar 2021
Abschied ohne Absturz.

30. Januar 2021
Um zu überleben, sich fallen lassen in den Abgrund der Zeit. Ein Sprung wäre nicht mutig genug.

29. Januar 2021
Höre den Menschen zu. Allen. Die, die dir nichts sagen, sagen dir damit alles Nötige.

28. Januar 2021
Warum auflösen, was längst in Auflösung und Zersetzung übergegangen ist.

27. Januar 2021
Von wem als von dir selbst willst du lernen, selbständig zu sein.

26. Januar 2021
Der, der allein ist, kann sich sorgen um alle. Aber sorgen muß er, ehe Entsatz kommt, für sich allein und allein für sich.

25. Januar 2021
„Ich bin reich“ ist eine zulässige Aussage, die beim Ärmeren von einem selbstkritischen Blick auf das wirklich Wichtige zeugt und beim Reicheren von ehrlichem Realismus. „Du bist reich“ oder „wir leben in einem reichen Land“ (im Sinne von: Hier handelt es sich um einen gefälligst zu ändernden Makel) sind Redewendungen von Räubern, denen man unverzüglich alles nehmen muß. Was sie außer Egoismus, Unverschämtheit und Raffgier besitzen, sind ihre handgreiflichen und rhetorischen Diebesinstrumente.

24. Januar 2021
Werden die „Nachtwachen des Bonaventura“ weniger erschreckend, weil wir zu wissen meinen, wer sie schrieb? Erschreckt uns die „Rede des toten Christus“ weniger, weil wir wissen, wer da spricht?

23. Januar 2021
Dem, der seine Mittelmäßigkeit und seine Defizite spürt, wird jede Rangordnung unnatürlich und widerwärtig erscheinen.

22. Januar 2021
Manchmal jagen bei der Hexenjagd die Hexen.

21. Januar 2021
Nur der, der verdientermaßen von unten kommt, wird sich über diesen Umstand beklagen, statt ihn als Herausforderung und eine erst später wirksame Auszeichnung zu sehen.

20. Januar 2021
Eine Eselsbrücke für logische Folgerichtigkeit: Damit ihr brecht, sprecht wie Precht.

19. Januar 2021
Sind nicht die mehrfachen, vielleicht noch ein wenig gesamteren Gesamtausgaben eines jener Autoren aus einem engen bis verengten Kanon nicht am Ende doch ein Anzeichen von Übersättigung und Dekadenz?

18. Januar 2021
Baue dein Haus – in der Einsamkeit, in der niemand dich ablenkt und deine Kreise stört. Erwarte nicht, daß Vorbeigehende dich unterhalten und deine Arbeit loben werden.

17. Januar 2021
Helfe allen Strauchelnden und Gefallenen, sich zu fangen und wieder aufzustehen. Die, die dann zu jammern beginnen, kannst du ohne Zögern umstoßen.

16. Januar 2021
Man muß im Haus des Henkers vom Strick sprechen. In Deutschland von den deutschen, in Polen von den polnischen, in Tschechien von den tschechischen Morden. Man sollte sich nur nicht wundern, daß die Enkel des Henkers die Enkel des Henkers sind.

15. Januar 2021
Daß die Welt sich entwickelt, wie wir es uns wünschen, ist der denkbar dümmste Wunsch.

14. Januar 2021
Genug ist es, alles gewollt und etwas getan zu haben.

13. Januar 2021
Der für sich asketische Asket ist ein guter Mensch, der Askese Predigende ist ein Narr oder ein Gauner.

12. Januar 2021
Es gibt Ausländerfeindlichkeit. Es gibt Ausländer, gegen die aus guten oder weniger guten Gründen feindliche Gefühle bestehen. Sie sprechen, wenn es gegen sie geht, von Ausländerfeindlichkeit.

11. Januar 2021
Andere Menschen in Ruhe zu lassen verdient Dank und Anerkennung.

10. Januar 2021
„Du bist besser geworden.“ Schärfer, böser, bitterer?

9. Januar 2021
In seinem Gedicht „Zehntel des Lebens“ schafft es der promovierte Energetiker und Prenzelberger Lars-Arvid Brischke, aus Hölderlins Eigentum mit maximalem Energieaufwand als Abbau- und Ausschußprodukt eine homöopathische Verdünnung herzustellen, die sogar zum Zweck der Volksbildung ausgesendet werden kann.

8. Januar 2021
Welch ein Glück, daß die Geschichte noch nicht entschieden ist und die Gegenwart noch nicht überwältigt ist!

7. Januar 2021
Nicht vergessen: Prometheus ist ein Reaktionär und Revanchist, einer aus dem gestürzten Titanengeschlecht.

6. Januar 2021
Die Herzkammer der Demokratie im Kapitol? Als der Motor des Perpetuum Mobile?

5. Januar 2021
Die Betrüger machen aus der bloßen Nennung des Betrugs schon eine Art Staatsverbrechen.

4. Januar 2021
Bei Twitter aus Anlaß des Todes gewürdigt zu werden: Dann möchte man sterben, hätte man es nicht schon hinter sich.

3. Januar 2021
Wir überleben und träumen von Unsterblichkeit.

2. Januar 2021
„Wir können mehr.“ Bei bestimmten Zeitgenossen ist das eine böse Drohung.

1. Januar 2021
Wären wir unsterblich, würde quotiert.

31. Dezember 2020
Mes amies de jadis sont devenues fantômes.

30. Dezember 2020
Wir alle: anders und deshalb einsam.

29. Dezember 2020
Außerhalb einiger Vulkane und einiger Sonnen und unserer geliehenen Wärme alles grausam kalt.

28. Dezember 2020
Staaten, die aus Kriegen als Gewinner hervorgehen, und sich so unmöglich machen. Einzelne, Ausnahmen, die aus einem Krieg einen Gewinn mitbringen, der andauert.

27. Dezember 2020
So banal wie richtig, daß mit dem Leben das Sterben beginnt und daß dies unbezweifelbar ist. Das Sterben als Beginn des Lebens ist möglich - nicht mehr und nicht weniger.

26. Dezember 2020
Was bleibt von den in den Wanderungen verlorengegangenen Stämmen, von den in alle Winde vertriebenen Dörfern, von den Netzverbindungen, die geheim überlebten und vergessen wurden, weil sie geheim waren, von den großen Familien? Ein letzter, noch stehend, fluchtunfähig, nachfolgelos.

25. Dezember 2020
Wer ungerührt, ohne Wut und Tränen durch das verlorene Land geht, der hat keine Wurzeln dort. Er ist es nicht wert, auch nur eine Sekunde dort zu sein. Sein Schweigen entschuldigt ihn nicht, aber immerhin ist es erträglicher als jedes weitere Wort.

24. Dezember 2020
Der Begriff „Volksverhetzung“ suggeriert eine geist- und wehrlose Masse, die nur Objekt und Opfer von ihr hoffnungslos überlegenen Beeinflussern ist.

23. Dezember 2020
Kann man über eine Satire, die den Herrschenden schmeichelt, lachen? Zumindest macht sich der Satiriker lächerlich und zu einem sogenannten „Satiriker“.

22. Dezember 2020
Es zeigt seine Volksverbundenheit, wenn ein gewesener Parteiführer und Kanzlerkandidat seine Frau mit einem Spitznamen ruft, mit dem andere die dunkelste Stelle der Frauen bezeichnen.

21. Dezember 2020
„Huhu, lange nichts von dir gehört“ teilt mir der vor Jahren in Montpellier verstorbene Dichter Ulrich Zieger mit - beziehungsweise der Test-Trading-Spammer, der sich seiner elektronischen Identität bemächtigt hat.

20. Dezember 2020
Daß der spätere Serienkiller einige Monate, ehe er mit einem zwölfjährigen Mädchen begann, in der Dating-Schau „Herzblatt“ gewann, läßt mehrere Möglichkeiten zu. Auch die, daß er verbittert war wegen jener Frau, die ihn als Sieger auswählte, aber sich weigerte mit ihm auszugehen. Er wirkte unheimlich.

19. Dezember 2020
Als aussätzig und überflüssig brandmarken sich die, die sich unter Bedingungen des Friedens weigern, einen Menschen, der ein Faschist sein mag, höflich zu begrüßen und mit ihm zu sprechen.

18. Dezember 2020
Aristokratischer Hochmut war immerhin ein Grund, die Nazis als pöbelhaft zu verachten und besser als die Anbiederung etlicher Adeliger an das Volksgetümel. Bekanntlich sind nicht alle Adeligen Aristokraten und nicht alle Nicht-Adeligen keine Aristokraten.

17. Dezember 2020
Die Argumente der anderen Seite, sie mögen so falsch sein wie sie wollen, nicht einmal zu nennen, sondern dreist zu behaupten, es gäbe sie nicht, ist der tiefste Tiefpunkt in der Verlogenheit und Verkommenheit eines Mediums.

16. Dezember 2020
Wer einem Diktator in allen Dingen nur das Finsterste vorwirft, der vernebelt dessen besondere Gefährlichkeiten in einem allgemeinen Brodem.

15. Dezember 2020
Pedro Faura, 1975 großartig auf seinem Zenit als Sänger, wollte Arbeiter und Bauern zusammen marschieren sehen, um das Spanien von Verrätern und Mördern zu säubern. Zu dem ersten kam es nicht in genügender Zahl und Kraft und das zweite blieb in den Anfängen stecken. Festzustellen, ob diese Säuberung sauberer als die historischen Beispiele und rein von Grausamkeiten sich vollzog, blieb ihm so erspart.

14. Dezember 2020
Lärm fördert die Vergessensleistung.

13. Dezember 2020
Die Empfindsamen und Sensibelchen benötigen eine verständnisvolle doppelte Ration an harter und klarer Wahrhaftigkeit. Nur der Schmerz schlägt durch bis zur Erkenntnis.

12. Dezember 2020
Gretchens frühvergreister verrotteter Anhang zeigt dieselbe Wehleidigkeit und Schmerzüberempfindlichkeit wie jene Einst-oder-immer-noch-Parteigenossen, die sich seit Kriegsende empörten, wenn die Naziverbrechen untersucht und öffentlich angeprangert wurden. Ähnlich auch seit 1990 das Geschrei des Stasi-Filzes und seiner Nachfolger, ähnlich die Attacken allzuvieler Tschechen und Polen, die die Vertreibungsmorde totschweigen oder rechtfertigen wollen, auf jene mutigen Lokalpolitiker, die an die Verbrechen erinnern.

11. Dezember 2020
Wenn das eine Drittel der Kinder darauf vorbereitet wird, die Macht zu übernehmen und das zweite Drittel der Kinder darauf vorbereitet wird, die Macht abzugeben, bleibt nur, das dritte Drittel vorzubereiten auf einen Kampf, für den sie besser gerüstet sein könnten, aber nicht sind.

10. Dezember 2020
Welchen Sinn hat es, diese armen Menschen zu verurteilen, die nicht zweifeln oder nicht glauben, da doch der Zweifel wie der Glaube eine Gnade sind, die wir unverdient empfangen und uns unverdient zugestehen müssen?

9. Dezember 2020
Immer ehrlich NEIN zu sagen ist der sicherste Karriereschutz.

8. Dezember 2020
Unser Schmerz: Wir sind unperfekte Inseln.

7. Dezember 2020
Wir sind in der unterlegenen Opposition und nutzen diese Unterlegenheit, um so stärker zu werden. Würden sich die Verhältnisse grundlegend ändern, wären dann die Antifanten vor uns auf den Knien, um Hilfe bittend und schwarz-rot-goldene Fähnchen schwingend, oder würden sie demonstrativ denglisch stammeln, um weiter zu provozieren und weiter Opposition bleiben zu dürfen?

6. Dezember 2020
Um die besser in ihren Antrieben zu verstehen, die blind der Herde folgen, sollte der Ausgeschlossene sich erinnern, wie er anfangs auch vor allem dazugehören wollte. Nur das Scheitern dieser Pläne half ihm weiter.

5. Dezember 2020
Erst spät nach dem Ausschluß kultiviert der Ausgeschlossene sein Schicksal als Privileg und Heiligungszeichen.

4. Dezember 2020
Man muß strikt trennen zwischen dem Hunger an sich (dem Wunsch, irgendein Füllgut für den Magen zu erreichen) und dem Hunger nach etwas (nach Landbesitz, nach Erkenntnis, nach Abenteuern …), also einer zielgerichteten Gier. Der Begriff des HEISSHUNGERS beschreibt sehr gut die dabei gegebene ansteigende Temperatur, während beim Hunger an sich die eigene Gefühlswärme trotz kurzer Aufwallungen in eine matte Kälte abfällt.

3. Dezember 2020
Jammere nicht, beklage dich nicht, sondern entscheide dich, ob du den Preis bezahlen willst für Anpassung an die Herrschenden und die herrschenden Vorurteile. Entscheidest du dich dafür, dann reihe dich ein in die Warteschlange der Bewerber für höhere Verwendung.

2. Dezember 2020
Das vollständige Vertrocknen garantiert einen ein wenig länger anhaltenden Anschein von Unsterblichkeit.

1. Dezember 2020
Auch die Immortelle nur eine kleine schwache Blume.

30. November 2020
Das Leben eine Gnade und in ihm der Glaube eine Gnade. Es ist uns verwehrt, etwas zu verdienen.

29. November 2020
Die bemalten Särge sind für die Lebenden.

28. November 2020
Bei unseren Gegnern ist zu differenzieren zwischen den charakterlich sympathischeren, aber weitaus gefährlicheren Ausdauernden und denen, deren Meinungen nicht allzu wasserfest sind und IN DIEBUS NOË wegschwimmen werden.

27. November 2020
Was wird der, der nur das Gesetzeswerk und die Bräuche seiner Separatgemeinschaft als maßgeblich anerkennt, mit dem Geschenk eines auf Büttenpapier gedruckten Grundgesetzes anfangen?

26. November 2020
Ist der schwarze Rassismus hassenswert? Man kann nicht sagen, daß die haßzerfressenen schwarzmagischen Brandschatzer und Kulturabräumer sich nicht ihrer Haut wehrten und ihre eigenen Interessen höheren Kompromissen opferten. „Wehrt euch, kämpft um euer Leben!“ rufen sie den eigenen Leuten zu, aber auch jenseits der von ihnen ausgehobenen Schützengräben könnte man diesen Ruf hören und sich einprägen.

25. November 2020
Die Trauer in der Stimme des alten Mannes, den ich 1973 in Nordschleswig am Straßenrand sah, als ich ihn fragte, wo es nach „Grasten“ ginge, wie ich Gråsten aussprach, und der mir antwortete, ich wolle sicher nach Gravenstein. Immer die unschuldige Ignoranz der Jugend.

24. November 2020
Aus dem westdeutschen Qualitätsmedium schallt es: „Tondern war bis 1920 deutsch. Damals haben die Menschen beschlossen, die Grenze weiter nach Süden zu verlegen.“ Was sind das für Menschen, die so formulieren? Alles Menschliche ist ihnen fremd.

23. November 2020
Die vom richtigen Rand bestimmen, was im Salonwagen gespielt wird. Die vom falschen Rand kommen unter die Räder. Wohin aber der Zug fahren soll, das wissen nur die vom allerobersten Rand.

22. November 2020
Nicht einmal, daß jemand sich wohlfühlen möchte, kann unterstellt werden. Es gibt sie, die sich leidend und gequält erleben möchten.

21. November 2020
„Wenn ich wiederkomme …“. Temporal oder konditional gemeint?

20. November 2020
Der reiche Bruder läßt auf dem Grundstück seiner Firma seinen armen Bruder in einer Hausmeisterwohnung wohnen. Der Reiche weiß genau, daß der bärtige weißhaarige Mann auf dem Bild im Flur seines Bruders nicht der Hüttenwirt aus der Steiermark ist, sondern Karl Marx. Aber er genehmigt seinem Bruder den Glauben, daß ihm die Täuschung gelungen ist.

19. November 2020
Die Zahl der grausamen und bösartigen Frauen, die diese Antriebe ausleben konnten, blieb relativ klein, solange die allermeisten Frauen fern der Macht und der Öffentlichkeit gehalten wurden. Die Vorstellungen von Ritterlichkeit, von Nicht-Gewalt gegen Frauen und Kinder zügelten die zu Übergriffen bereiten Männer. Das ist anders geworden.

18. November 2020
Mut ist keine moralische Kategorie, Heldenmut auch nicht. Es ist ein als Disposition angelegtes Verhaltensstrukturmerkmal – auch bei dem Gangster, der seinen Komplizen ohne Rücksicht auf das eigene Leben aus dem Kugelhagel der Polizei rettet.

17. November 2020
Wie läßt sich eine politische Ethik entwickeln, die beschreibt, wie es sein sollte und zugleich analysiert, wie es ist? Wie kann Politik über den Ausnahmemoment hinaus ethischen Grundsätzen folgen?

16. November 2020
Nachschauen, ob der Baum Wurzeln geschlagen hat und ob er Früchte trägt. Danach das Weitere entscheiden. Aber eine begrenzte Geduld haben.

15. November 2020
In Not, in der verzweifelten Verteidigung erledigen sich die Rechtsfragen durch die Frage nach geeigneten Mitteln.

14. November 2020
Wenn der sogenannte Führer der sogenannten freien Welt nun aber kein Führer ist, wenn er nicht einmal frei ist. Auch abgesehen von den Bindungen an seine Gönner und imaginären Götter ist dieser Steuermann Gefangener einer Situation, in der er weder Ufer noch Riffe sieht, das Geschrei hinter ihm nicht mehr hört und kaum noch das Ruder halten kann.

13. November 2020
Unsere Gegner haben einen grundsätzlichen Anspruch darauf, bekämpft zu werden. Manchmal allerdings muß man ihnen ausweichen, damit sie in ihrem Sturmlauf freie Bahn haben für den freien Fall.

12. November 2020
Nicht einmal ob die Toten selig sind wissen wir.

11. November 2020
Wer sind wir? Wer waren wir, als wir begannen? Wer sind wir geworden, bis jetzt?

10. November 2020
Das Geschenk des Lebens erhalten wir ohne Absenderangaben und Begleitpapiere. Es gibt mehr oder weniger ungesicherte Vermutungen über den Absender und über die Gründe und Hintergründe des Schenkens.

9. November 2020
Ohne daß wir je einen Abstand bestimmen könnten, kommen wir Gott näher, indem wir uns ihm zu nähern versuchen.

8. November 2020
Man muß an den Glauben glauben. Man muß glauben, als gäbe es Gott und – im Bewußtsein unseres Nicht-Wissens – als wüßten wir mit unendlicher Gewißheit, daß es ihn gibt.

7. November 2020
Das Auftreten der Gottesbeweise beweist vor allem das Sich-Abschwächen des unbedingten Glaubens. Die nächste Stufe des Niedergangs waren die Schwindelbeweise, daß es Gott nicht gäbe.

6. November 2020
Nicht einmal der Glaube läßt sich im strengen Sinn des Begriffes BEWEISEN. Es lassen sich lediglich Anzeichen und Symptome angeben. Für den Inhalt des Glaubens, also das, worauf er sich richtet, gibt es erst recht nicht die Chance eines Beweises. Darüberhinaus hat jedes Anführen von Hinweisargumenten den Charakter eines ebenso absurden wie lästerlichen Sakrilegs.

5. November 2020
Dem, der von Ausländerfeindlichkeit spricht und von Deutschenfeindlichkeit schweigt, soll die Zunge abfallen. Mildernde Umstände kann man hierbei allenfalls Ausländern einräumen.

4. November 2020
Was wäre eine Gnade, die sicher ist? Das Gebet wäre entbehrlich.

3. November 2020
Krieg ohne Blutvergießen ist so häufig zu finden wie Politik ohne Lügen und Betrug.

2. November 2020
Wir sprechen von Zielen und doch sind Zwischenstationen gemeint auf den Wegen, die alle zu einem und demselben Punkt führen.

1. November 2020
Wenn der Ruf „Eisberg voraus!“ ertönt – welchem Soziologieprofessor würden Sie das Ruder übergeben?

31. Oktober 2020
Nicht das Visier – es läßt sich nur geringfügig verstellen – ist die Maske, sondern das Gesicht.

30. Oktober 2020
Die besten Helfer der Antisemiten sind die, die den Vorwurf des Antisemitismus ohne den mindesten Nachweis dazu mißbrauchen, ihre Gegner anzugreifen. Was werden Sie von denen halten, die Ihnen ins Gesicht schlagen mit der Begründung, sie hätten dort eine Fliege gesehen?

29. Oktober 2020
Ein Recht zu schweigen gibt es – bei Lebensgefahr für den, der spricht.

28. Oktober 2020
Das Recht, nichts zu tun, setzt die Pflicht voraus, niemandem etwas zu tun und von niemandem etwas zu verlangen.

27. Oktober 2020
Immer ist der Horizont größer und weiter als unser Horizont.

26. Oktober 2020
Es gibt die Erfolglosen, die verlacht und ohne gemeinsame Nacht davongekrochen sind, um in der Badewanne zu schlafen und die, wenn sie allein in einer leeren Wohnung wachwerden, die norwegische Holzvertäfelung in Brand stecken. Lieber sollten sie sich an sich selbst rächen.

25. Oktober 2020
„Gott hat dazugelernt“, sagt der Kirchenamtsverwalter, der gegen die Fäulnisgase zwei Klima-Manager engagiert hat.

24. Oktober 2020
Begeisterter Patriot eines fremden Landes zu sein, in dem man nicht geboren ist und nicht lebt, ist eine deutsche Spezialität.

23. Oktober 2020
Sie werfen dem Präsidenten eines anderen Landes vor, daß er das Beste nicht für sie will, sondern für sein Land.

22. Oktober 2020
Die Erde schwebt ja nicht im Raum – sie ist gehalten in ihrer Bahn. Das abgeworfene Blatt schwebt, in seinem verzögerten Fallen.

21. Oktober 2020
Das große Leid der Juden ist all- und altbekannt. Das kleine Leid der denkenden Juden wird verursacht von denen, die ungefragt und mit fatalen Folgen an zentraler Stelle in ihrem Namen sprechen und besser bei ihrem Leisten und in ihrer gelernten Berufung geblieben wären.

20. Oktober 2020
Wenn ein Gedanke den anderen überlagert und zum Verschwinden bringt, so daß du ihn nicht mehr festhalten kannst, so kannst du doch darauf hoffen, daß er zum Substrat und Dünger dessen wurde, der auf ihn folgte.

19. Oktober 2020
Meist endet unser Mut an der Haustür – beim Eintreten, beim Fortgehen oder in beiden Fällen.

18. Oktober 2020
Karlheinz Deschner, trotz einiger Irrtümer (er unterschätzt Storm, der ein Genie der untergründigen und hintergründigen Lyrik wie der zeitsuchenden Prosa ist, und ebenso C. F. Meyer, dieses Genie der formvollendeten Verknappung) sehr hellsichtig in seiner Akzentuierung, daß, wer einen Dichter abkanzelt wegen weltanschaulicher Differenzen, ein banausischer Barbar ist.

17. Oktober 2020
Es gibt Menschen, die man deshalb vermißt, weil sie noch nicht vor Gericht erschienen sind.

16. Oktober 2020
Wir alle fürchten, etwas zu tun, was wir späterhin nicht getan haben wollen. Während die schlichteren Gemüter beim tödlichen Verletzen ihres Kindes davon reden, Bockmist gebaut zu haben, finden die Gewandteren elegante Formulierungen.

15. Oktober 2020
Wie wenige Augenblicke mit großen Chancen, dafür aber die Jederzeitigkeit des Abstürzens.

14. Oktober 2020
„Obwohl er angibt Pazifist zu sein – er hat etwas von einem Offizier.“ Der gutbürgerliche Offizier, der dieser Behauptung über einen Nicht-Uniformierten widerspricht, hat nicht begriffen, daß die Landjunker immer in ihren schlammbedeckten Stiefeln stecken werden, selbst bei Hofe.

13. Oktober 2020
„Er tritt auf wie ein Aristokrat.“ Wenn er einer ist, wie sollte er sonst auftreten? Wenn er keiner ist, ist jedes Wort darüber eines zuviel.

12. Oktober 2020
„Unser Gott“: Aller und niemandes und doch uns näher als THE ONE AND ONLY.

11. Oktober 2020
Als er sich noch nicht als Fremder fühlte, war er sich am fremdesten. Die anderen halfen ihm, ein Fremder zu sein.

10. Oktober 2020
Du willst irgendwann erfolgreich sein? Möchtest du mit Elke Heidenreich tauschen? Inklusive des Körpers? Wirklich?

9. Oktober 2020
Daß es uns außergewöhnlich berührt, wenn ein Raubtier – getrieben von mütterlichen Instinkten oder wovon auch immer – ein Haustier wie ein befreundetes Raubtier der eigenen Familie behandelt, schulden wir unserer Angst vor dem planetaren Winter und der endlosen Nacht.

8. Oktober 2020
Nicht einmal für Unterhaltung kann ich garantieren.

7. Oktober 2020
Freue dich an den düsteren Farben, in denen dir der weitere Weg geschildert wird, denn dies sollte dir Hoffnung geben. Die Menschen irren sich oft.

6. Oktober 2020
Wenn aber nun die Beste nicht die Richtige ist?

5. Oktober 2020
Die Gewißheit, in eine andere Kaschemme zu gehen, hat etwas Beruhigendes. Kein Zwang zur Veränderung, weder in der Kleidung noch im Benehmen.

4. Oktober 2020
Ein Mischling zu sein ist ein Unglück, wenn es sich darum handelt, geradeaus durch das Leben zu marschieren, unverzüglich anzugreifen, unendlich zu dulden. Geht es um eine Meisterschaft im Zweifeln an allem und jedem, auch an sich selbst, um das Anstimmen und Heraushören von Zwischentönen und um Überleben im Handstand auf der Klinge, so ist ein gemischtes Gefüge von Vorteil.

3. Oktober 2020
Prometheus: Nur als Unsterblicher und Allmächtiger mehr als eine traurige und lachhafte Figur.

2. Oktober 2020
Zu Anfang glaubt die Fliege immer, fröhlich mit der Spinne auf dem Netz tanzen zu können. Es hat vor langem eine Zeit gegeben, als Alice Schwarzer, deren geschichtliches Verdienst eher in ihrer Opposition zum islamischen Patriarchat als in ihrer Abtreibungsverherrlichung zu sehen ist, unbelastet Kontakt aufnehmen konnte zu einer hoffnungsvollen Jungpolitikerin aus dem Nordosten. Die, Tochter und Enkelin von auf verschiedenen Schultern tragenden Seitenwechslern, zeigte sich prädestiniert dafür, das an anderem Orte Gelernte erfolgreich gegen ihre Förderer anzuwenden, die Ahnungslosen und die Ehrgeizigen einzuspinnen in ihre Rankünen.

1. Oktober 2020
Unbegangene Wege gehen verloren.

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