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DAS HAUS AUF DER ANDEREN SEITE
„Bei dem Buch handelt es sich um eine kleine, phantastische Novelle, die vorzüglich in den Sommer paßt. Es ist die Geschichte des Jungen Alexander, der mit seiner Familie in ein einsames, an einem Fluß gelegenes Haus zieht. Ganz so allein, wie er zuvor gedacht hatte, waren sie dann doch nicht, denn auf der anderen Uferseite steht ebenfalls ein Haus. Jedoch eines, das anscheinend außer ihm niemand zu sehen scheint. Ich habe das Buch in einem Ruck durchgelesen. Es nicht besonders lang, auch nicht spektakulär, sondern setzt vielmehr auf die leisen Töne. Eine kleine, aber feine Geschichte über das Leben und den Tod.“
Spooky aus Kaiseraugst/Schweiz,=> Horror-Forum, 12.7.2008
„Eine wunderschöne Kurzgeschichte über die Kindheit, die uns Raum zum Träumen und Phantasieren bietet!“
=> Sabrinas Buchwelt
LESEPROBE
Vergiss nicht: Du wolltest nichts vergessen.
Niemand wird sich wundern, dass mir mein Vater Schwierigkeiten machte - gleich an dem Tag, als wir in unser neues Haus einzogen. „Nur weil du Alexander heißt, bist du noch lange nicht der Größte,“ giftete er mich an. Ich schoss natürlich zurück: „Ich bedanke mich, dass ich schon wieder keine eigene Meinung haben darf.“ „Du redest wie dein großer Bruder. Von dem höre ich das jeden Tag.“ Da hatte er recht, aber ich war nicht dumm genug, das auch zuzugeben.
Es war abscheulich heiß, mein rotes kariertes Hemd klebte auf der Haut. Vater schien mit den Nerven herunter zu sein. Aber ich wollte nicht nachgeben. Ich schrie „Ich weiß es besser“ und warf hinter mir die Tür ins Schloss, um Vater keine Gelegenheit zur Antwort zu lassen. Durch die Tür hörte ich, wie er zu Mutter sagte: „Genau wie sein großer Bruder!“ Das schien zum Teil ein Vorwurf und zum Teil eine kleine Anerkennung zu sein.
Unser Streit hatte angefangen, als die Möbelpacker in unserem neuen Haus die ersten Kisten in das Wohnzimmer stellten. Wir hatten es uns auf ihnen gemütlich gemacht, aßen dick mit Senf bestrichene Russenei-Brote und schauten aus den hohen Fenstern über den Fluss. Ich bemerkte zum ersten Mal, dass jenseits des Flusses ein Haus stand. Ich sprang auf, trat ans Fenster und versuchte festzustellen, ob es dort Kinder gab. „Was guckst du die ganze Zeit?“, fragte Vater. „Zählst du die Stichlinge im Fluss? Oder siehst du ein Neunauge mit zehn Augen?“ „Witz! Witz!“, antwortete ich, „ich schaue mir die Kinder an, die da drüben spielen. Ich habe ein Mädchen gesehen und zwei Jungen.“ Vater stand auf, ging ans Fenster, kniff die Augen zusammen und starrte hinaus. Dann schüttelte er den Kopf: „Kein Kind drüben weit und breit! Wo sollen die Kinder denn herkommen, Junge?“ „Muss ich das wissen? Du weißt doch sonst immer alles!“ „Werde bloß nicht frech! Aber ich kann dir ja helfen.“ Und Vater brüllte aus Leibeskräften: „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all und sehet, welch Ochsen wir haben im Stall.“ Die Möbelpacker schauten sich an und mein Bruder Thomas machte ein Gesicht, als wollte er sagen „Der Alte spinnt“. Vater wurde jetzt hektisch. Er suchte in allen möglichen Kartons herum, bis er triumphierend eine Straßenkarte hervorzog, um mir damit zu beweisen, dass es am anderen Ufer fünf Kilometer stromauf und sieben Kilometer stromab kein Dorf gab. „Na und, es gibt aber einzelne Häuser und die sind nicht in deiner Karte eingezeichnet.“ „Und wo sind die Häuser, mein Söhnchen, bitteschön?“ „Da drüben zum Beispiel, da steht eins!“ Vater sah in die Richtung, die meine ausgestreckte Hand ihm wies. Er guckte mich seltsam an, so von der Seite her, sagte aber lediglich: „Du bist ein elender Rechthaber.“ Dann ging er hinaus, um die Möbelpacker in die richtigen Räume zu dirigieren.
Unseren großen Krach gab es am frühen Abend. Ich stand schon eine halbe Stunde am Fenster und starrte hinüber, auf die im Krieg zerschossenen Pfeilerstümpfe der Eisenbahnbrücke und auf das Haus. Plötzlich sah ich, wie drüben ein Mädchen in einem blauen Kleid mit großen weißen Punkten über den Hof lief und in einem seitlichen Gebäude, vielleicht einem Stall, verschwand. Vater kam gerade in den Raum, er hatte sich anscheinend über jemanden geärgert. „Was stehst du da herum, Alexius, gibt es nichts Besseres zu tun?“ „Ich habe nur schnell geschaut, wer drüben wohnt. Da ist ein Mädchen. Die Jungen habe ich nicht mehr gesehen. Können wir nächsten Samstag mal hinfahren und fragen? Das ist doch langweilig, dass ich hier auf unserer Seite niemanden zum Spielen habe.“ „Der einzige, der langweilig ist, bist du. Was quasselst du da von einem Mädchen, wo ist ein Mädchen?“ „Drüben in dem Haus am anderen Ufer, auf der anderen Seite vom Fluss.“ „In welchem Haus?“ „Na, in dem roten Ziegelhaus mit dem Strohdach. Hast du noch nicht nach drüben geguckt?“ „Sag mal, spinnst du? Wo drüben?“ „Da vorne.“ Ich zeigte Vater das Haus, aber er glotzte mich nur ungläubig an und brummte: „Hör mal, vereiern kann ich mich selbst. Da drüben ist kein Haus, da sind die letzten Reste der Brücke, das Laub und das Gras auf den Wiesen und sonst nichts.“ Und dann brüllte er regelrecht: „Da ist kein Haus! Und jetzt an die Arbeit!“ Mutter kam herein: „Müsst ihr euch wieder streiten? Gleich am ersten Tag in unserem neuen Heim. Obwohl alles hier so still ist, eine solche himmlische Ruhe.“ Vater tippte sich an die Stirn: „Dein Sohn spinnt hier herum. Oder siehst du drüben am anderen Ufer ein Haus? Sag ihm mal, was du siehst, mir glaubt er ja nichts.“ „Nein, wo soll denn da ein Haus sein, Alex?“ „Na siehst du, Söhnchen, zwei Erwachsene gegen einen albernen Knirps. Willst du immer noch behaupten, da wäre ein Haus?“ „Wenn ich es aber sehe?“ „Wenn du es siehst, kriegst du eins hinter die Löffel, bis dir Hören und Sehen vergeht. So, Spaß beiseite, jetzt geht es ran. Du hilfst deiner Mutter beim Geschirreinräumen. Aber schlage nicht wieder alles kaputt, sonst räume ich deinen Sparhasen aus, um neues Geschirr zu kaufen.“ „Der ist doch sowieso leer, weil ich von Mutter nie Taschengeld bekomme.“ „Dein Taschengeld kommt von mir, lieber Herr Sohn. Mutter zahlt es dir nur aus aus meinen Barbeständen. Klar oder nicht klar?“ „Und von wem hast du dein Geld, hast du es selbst fabriziert? Nein, das kannst du nicht, du holst es von der Bank ab. Und ich helfe dir, es sicher unterzubringen. Meinen Sparhasen hat der Gerichtsvollzieher nicht gefunden.“ Vater runzelte die Stirn, zwischen den Augen zeigte sich seine Zornesfalte, aber Mutter hob beschwörend die Arme. Er verkniff es sich, mir schon wieder zu widersprechen ...
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