Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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E.S., Mörder
Roman

Für E. S. –
sie wußte am Anfang,
was aus mir werden wird

Führe uns zusammen aus den Völkern!
*
Es kann aber niemand zwei Herren
dienen, es sei denn, er verriete sie
beide und sich zugleich.
*

Erstes Kapitel
Etagen

Ellen schrie von unten her, mit all der Kraft einer starken, groß und breit geratenen Frau: „Für unser Kind wird das sein, wir brauchen das Kinderzimmer. Ihr habt genug Platz, ihr kommt hin. Sowieso waren wir zuerst da.“ Sie war nicht allein: Sie hatte ihren Ritter keine zwei Schritte entfernt auf die oberste Treppenstufe gescheucht. Die andere Frau, jünger und zwei Köpfe kleiner, die oben an der Treppe den besseren Platz hatte, mittendrin im Kampf, wollte erst eins draufsetzen, daß eine alte Kuh mit vierzig nicht mehr kalben wird, aber dann besann sie sich und blieb ruhig. Sie schwieg auch deshalb, weil sie gerade jetzt an Ellens Totgeburt und an ihr eigenes, so bald schon totes Kind denken mußte. Die unausrottbaren Innenbilder stopften ihr fürs erste den Mund.

Strittig war eine Kammer, zwischen Dachschräge und Dachwohnung eingeklemmt, vielleicht drei mal drei Meter groß. Früher hatte sie jahrzehntelang leergestanden wie der ganze Speicher und die einstigen Dienstmädchenkammern, in denen sich vor hundert Jahren der erste Erbauer und Hausherr, ein calvinistischer Sektenprediger, Nacht für Nacht ausgetobt hatte und seine ganze Wut über die Unbekehrten und das verrottete Schöpfungsgemache abgeworfen hatte auf die Mägde unter ihm, und sein heißer Verschüttungsschweiß und der kalte Angstschweiß seiner Höllenträume war eingezogen in die Wände und zurückgeblieben in den knarrenden rotbraunen Dielen.

Seit der Krieg vorbei war, seit Karl zurückgekommen war, verlaust und angeschossen, aber doch noch ziemlich vollständig, wohnte er hier oben über allen – der jüngste der beiden Söhne, der wirkliche Prinz, der geborene Gewinner. Er wohnte hier oben mit seiner Frau, die noch keine dreißig war und doch schon ein totes Kind hinter sich hatte und ein lebendiges mit sich, Jürgen. Der aber war jetzt weggesperrt, damit er nichts mitbekam von dem Streit, und er mußte doch genug hören, um zu wissen, wer da aufeinander los ging und daß es ernst war, kein kleiner Krieg.

Es war eben kein Streit wie jeden Tag. Die Sache wurde nicht besser und leichter davon, daß sie alle zusammenhingen und aneinanderhingen. Karl hatte seine Schwester geliebt, Ellen, die älteste der drei Schwestern, seit er denken konnte, er hatte sie geliebt, bevor sie Edgar näher an sich heranließ und danach und bevor er Irene kennenlernte und dem Schwesterchen fast das Herz brach, obwohl sie da doch schon verheiratet war, und danach liebte er sie immer noch und sie ihn, immer weiter fort, bis beide abmachten fast fünfzig Jahre nach dem Geschrei, keine zwei Monate getrennt. Edgar und Karl standen sich seitlich vom Treppengeländer gegenüber, kaum einen Meter auseinander. Beide rot im Gesicht, die Spucke im Mund zusammengesammelt, um gleich loszuspucken, Schweiß auf der Stirn und unter den Achseln. Edgar brüllte was von den Koffern, in denen nur Dreck sei, man könne sie ungeöffnet wegwerfen. „Allenfalls die Nuttenkleidchen, die könnt ihr noch verkaufen. Langsam will die sowieso keiner mehr.“ Das letzte DIE war wie ausgezirkelt, es paßte auf die Kleider und auf die Frau, die sie trug. Das gab Karl den Rest. Er machte auf dem Absatz kehrt. Erst fürchtete seine Frau, er würde sich wegschleichen und das auf sich und auf ihr sitzenlassen ohne klare Rache, aber dann kam er keine Minute später zurück. Er war nach unten und durch Linas Wohnung gerannt, in den Schuppen hinter der Waschküche und hatte sich mit einem Beil bewaffnet. Er hatte zurück den Weg außen ums Haus genommen, durch das rote Holztor, den dunklen Zwischengang, fünf Meter über die Straße (laß die Nachbarn denken, was sie denken, wie sie da von weitem glotzen mit offenem Hals), wieder in die Tür und die Treppe hoch. Unten in der Wohnung wollte Lina, die den Lärm natürlich gehört hatte, aber den Teufel nicht herauskam aus ihrer Tür, ihm auf dem Rückweg noch etwas sagen und sozusagen mitgeben, was wußte sie noch nicht so genau und es blieb bei dem Wollen wie bei ihr fast immer. Der jüngste Bruder und die jüngste Schwester, die kurze Jahre die Allerjüngste war und mittendrin, die haben sich einfach keine Schnitte zu sagen. Karl war an der großen Schwester vorbei, nicht ansehen, keinen Ton sagen, sich nicht aufhalten lassen, blieb auf dem letzten Treppenstück auf halber Höhe stehen, schlenkerte drohend und lächerlich mit dem Beil und brüllte: „Geh jetzt da weg aus unserer Etage. Da oben sind wir. Drei gegen zwei, das müßt ihr endlich begreifen. Was kann ich dafür, daß ihr weniger seid. Nach dem nächsten Reich werdet ihr immer noch zwei sein und wir sind dann vielleicht schon zu viert oder fünft.“

Wenn Karl brüllte, was selten genug geschah, war er gleichzeitig auch irgendwie ruhig, wußte, wer er war und wer die anderen waren und wo bei denen die tiefsten Wunden saßen. Allerdings konnte er nicht wissen, daß es kein nächstes Reich geben würde. Wie nach den zwölf statt tausend Jahren aus dem einen großen Reich zwei kleine Reichlein geworden waren, wurde nach vierzig statt hundert Jahren aus den zweien wieder EINS und doch kein neues Reich und unterwegs wurde aus seiner Schwester eine allein, die zurückblieb ganz ohne Mann. Schon vorher ohne Kind war sie seltsam angedüstert geworden, aber jetzt wurde sie schwarz. Die Trauerkleider und die Trauer wuchsen in sie hinein, sie schlief keine Nacht mehr ohne immer wieder aufzuwachen in der einen Angst, die Fremden würden sie jetzt holen kommen. Über den Tag sann sie nach über die Strahlen, die aus den benachbarten Wohnungen gegen sie gerichtet wurden und über den Verwünschungszauber der Alten im Erdgeschoß, die so freundlich lächelte bei jeder Begegnung. Wie die Verfolger und Festnehmer alle im Anfang gut tun, ehe sie die Flammen heiß genug haben, daß die lange langsam sich einfressen können und am Ende kaum Asche zurückbleibt.

Edgar ging nicht weg. Er spuckte aus, und das war bei ihm, der nicht einmal auf dem Hof oder im Garten sich das zugelassen hätte, nicht einmal ganz ohne Zeugen, ein fatales Zeichen, daß die Brücken zurück komplett fort waren, daß er außer sich war und frei von all seinen Haltungen und Rücksichten. Er hob den Kopf, stellte sich hin, als wolle er salutieren und dann das Gewehr in Anschlag nehmen und hinter sich bringen, was getan werden mußte: „Komm doch, ich bin hier. Paß auf, wie du gleich unten liegen wirst. Ich breche dir alle Knochen einzeln und das Genick obendrauf.“ Karl nahm zwei Stufen auf einmal, zögerte kurz, aber da war schon Irene zwischen ihnen und packte sein Beil. Aus lauter Überraschung ließ er es los.

Irene stand zwischen den Männern, ihr Kopf auf Augenhöhe mit ihrem Mann, das Beil halb ausgestreckt gegen Edgar. Mit einem Zittern in der Stimme, das alle sonst bemerkten, nur sie selbst jetzt nicht, schrie sie: „Seid ihr völlig verrückt geworden? Wollt ihr so verrecken und uns alle ins Unglück bringen? Ihr gebt euch jetzt beide die Hand und jeder zieht ab in seine Wohnung! Los schon! Sonst . . . Ich habe noch das Beil.“ Karl bewegte sich als erster, taperte wortlos hoch, hielt Edgar die Hand hin, der starrte sie einen Augenblick lang an, als sei sie ein unbekanntes Flugobjekt. Dann ergriff er sie, hielt sie so kurz wie möglich in seiner, am liebsten keine Zehntelsekunde, drehte sich wandwärts und machte, daß er nach unten kam. Er packte seine Frau am Arm, schob sie regelrecht in Richtung Wohnungstür und verschwand mit ihr in ihren zwei Räumchen, ohne ein Wort, ohne noch mehr Niederlage zu schmecken und noch mehr sinnlose Wut sinnlos hinauszuschleudern.

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