Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017 (siehe unter BÜCHER).

30. September 2017
Not lehrt beten und Menschenfresser werden - das Floß der Medusa, das blutige Haupt des Menschlichen.

29. September 2017
Die Seltsamkeiten der fabrizierten Politik: Ein Geschrei über die Rückgliederung von Gebieten, deren Bevölkerung dem mit über achtzig Prozent zugestimmt hat – das beredte Schweigen über Annexionen, die wie die polnischen und tschechischen gegen neunzig Prozent der damals dort lebenden Menschen geschahen.

28. September 2017
Vernünftig ist, was in den Stürmen das größte und beste Stück Landes bewahrt. Unvernünftig ist es, vom Rest des Restes etwas zu verschenken, um einen gewissen Rest zu retten.

27. September 2017
Der Reichtum der Märchen: Sie sagen, was wirklich ist und was möglich wäre in einer anderen Wirklichkeit.

26. September 2017
Selbst dort, wo Platz wäre, ist der Regelfall, daß der vorherige Inhaber vergrämt oder vertrieben wird.

25. September 2017
Die gute Geduld, auf den Augenblick warten zu können, in dem das Pferd des Königs strauchelt, und die dumme Geduld, darauf zu hoffen, daß er von selbst heruntersteigen und das Büßerhemd anlegen wird.

24. September 2017
Wir schöpfen aus einem reichen unreinen Nichts.

23. September 2017
Jede Zeile der Leere, dem Schlafzwang, dem Verstummen abgekämpft.

22. September 2017
Europa – der Vorhof und der Vorwurf Asiens.

21. September 2017
Wenn jeder am Ende sein Leben verliert, dann zählt nur, was nach der Verabschiedung weiterlebt.

20. September 2017
Davon, daß du dich ausziehst, wird dein Standort kein FKK-Gelände.

19. September 2017
„Ja“, sagen sie, „unsere meisterliche Komposition sollte in einer anderen Tonart vorgetragen werden, die Farben der Kulissen bedürfen einer Auffrischung. Vielleicht sollten wir eine Glücksklee-Aufführung anbieten, bei der Komponist und Interpreten erst gegen Ende des Abends bekanntgegeben werden.“

18. September 2017
Jede Maxime zurückweisen, die einer nicht für sich selbst voll und ganz gelten läßt. Nur dem Armen glauben, der für die Abschaffung der Armut predigt.

17. September 2017
„Das bin ich, nur das und immer nur das“, sagte er, als er sah, daß er auch das sein könnte und das und das und am Ende würde er mehr sein, als er noch überblicken konnte, und er fürchtete, sich zu verlieren in den Vielheiten.

16. September 2017
Bestimmbar ist immer nur, was wir gerade nicht sind. Auch die Vorstellung, daß wir leben, ist eine abgeleitete Schlußfolgerung daraus, daß wir jetzt noch nicht tot sind.

15. September 2017
Paradoxon: Losgelöst von seiner Zeit fliegt der Pfeil nicht, weil er Pfeil ist und nichts als Pfeil. In seiner Zeit fliegt der Pfeil nicht, weil er gleichzeitig schon geflogen ist und noch fliegen wird. Seine große Nicht-Bewegung erdrückt seine geringe scheinbare Bewegung.

14. September 2017
Unsere Weltsicht: Eine Mischung aus von uns nicht als widerlegt betrachteten Vorurteilen und von uns als allgemeingültig akzeptierten Einzelerfahrungen.

13. September 2017
Jede in den Umrissen unveränderte, aber anders getönte und zur Vergangenheit gewordene Gegenwart gewinnt den Reiz ihrer dokumentarischen Frische aus ihrem Erledigt-Sein und ihrer Unwiederholbarkeit.

12. September 2017
Das Sein ist das Geistige jenseits der Uhren und Körper.

11. September 2017
Parmenides hatte recht mit seinem Pfeil, dessen Sein unverändert davon bleibt, an welchem Punkt der Strecke zwischen der Bogensehne und seinem Auftreffen er sich befindet – für das Sein zählt nur, daß beim Aufrechnen von Vorher und Nachher die Summe aus beidem stets gleich bleibt.

10. September 2017
Er befreite sich vom Zeitdruck, indem er denen, die auf ihn warten mußten, die Zeit stahl.

9. September 2017
Diejenigen, die frei von Einsicht und Erkenntnis sind, preisen sich an als wahrhaft Unvoreingenommene und Neutrale.

8. September 2017
Unter den Spam-Briefchen eine Nachricht von „D. Hubert“: „Benötigen Sie Ihre Hilfe?“ Eine hübsche Frage, denn der Hilfsbedürftige, der allein sich helfen könnte, will sich in aller Regel nicht helfen lassen und verneint das Nachfragen von vornherein.

7. September 2017
Fast immer warnt man uns am Anfang der Sackgasse. Aber wir machen uns abhängig vom Augenschein und vom Erproben.

6. September 2017
Die Zahl der Bilder ist größer als die Zahl der Dinge. Die Dinge sind, wie sie sind. Die Bilder sind, wie sie sein können.

5. September 2017
Weiter als in den Abgrund kommt keiner.

4. September 2017
Zuerst vergessen wir unsere Lügen.

3. September 2017
Blicke Vorübergehender, Erinnerung an solche Blicke – nimm das als Ausbeute und Ergebnis. Schon die Berührung zieht hinein in eine ungewiß endende Geschichte.

2. September 2017
Versöhnlich gegenüber dem ungewollten Scheitern, unversöhnlich gegenüber dem gewollten Ausbleiben des Versuchs.

1. September 2017
Niemand, der von seinen kriegerischen Heldentaten träumt, wünscht sich in diesem Augenblick, tatsächlich im Krieg zu sein. Auch unsere sexuellen Träume sind mit diesem LIEBER NICHT IN WIRKLICHKEIT unterlegt. Die Ungefährlichkeit unserer Traumabenteuer ist ihr tiefster Sinn und ihr größter Reiz.


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