Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

31. Oktober 2016
Daß sie wie Gott werden, glauben die Allerwenigsten noch. Aber die vielen schreckt das ERITIS SICUT NOS, das von den Schädelstätten schallt.

30. Oktober 2016
Nicht einmal das vollständige Sterben erschien ihm sicher.

29. Oktober 2016
Können wir denken über das Mögliche hinaus in das Reich der Unmöglichkeit? Und, wenn wir das Unmögliche denken könnten, wäre es dann noch ganz, noch ganz unmöglich?

28. Oktober 2016
Wir behaupten, mit dem Tod umzugehen, und er geht ohne uns um uns herum.

27. Oktober 2016
Es ist leichter, Mitleid zu zeigen, als Mitleid zu haben.

26. Oktober 2016
Wir sollten unsere Anklagebank verteidigen, bis unser Prozeß gegen die Gesellschaft abschließend sein Urteil findet.

25. Oktober 2016
Für sich selbst zu hoffen ist eine außerordentliche Leistung.

24. Oktober 2016
Der Unbekannte stirbt den Tod aller, aber er stirbt ihn einsamer und erbärmlicher als alle, an deren Gräbern kurz geweint wurde.

23. Oktober 2016
Niemand schaut von einer Geraden oder einem Kreis aus auf die Welt. Wir sind gefesselt an unseren Stand-Punkt.

22. Oktober 2016
Zu Tode zu kommen ist leichter, als zu sterben. Lange zu sterben ist leichter, als lange zu überleben.

21. Oktober 2016
Als der Langsame in den Krieg aufbrechen wollte, waren die Züge schon abgefahren. Als er herausgefunden hatte, wann die Ersatzzüge fuhren, war der Krieg vorbei.

20. Oktober 2016
Wenn das Recht eine Setzung ist, dann ist auch jede Überschreitung der rechtlichen Grenzen und jede Verteidigung dieser Grenzen eine Setzung, die gerade eben erfolgte und aufhebbar ist durch einen Gegen-Satz. Diese Welt der Konstruktionen bleibt stets getrennt von der Welt der Dinge.

19. Oktober 2016
Ewig das gleiche Geschrei der Gleichheitsapostel, ewig der Zwang, die Ungleichheit der Menschen gegen die menschenfeindliche Gleichmacherei zu verteidigen!

18. Oktober 2016
Die Kinder gehören niemandem - nicht den Eltern, nicht dem Staat. Daß es sie gibt, daß es genug von ihnen gibt, ist eine elementare Forderung der Gesellschaft an die potentiellen Eltern, um die materielle Basis und den Charakter des Landes zu sichern. Deshalb sind materielle Sanktionen logisch und abgemessen.

17. Oktober 2016
Jeder von uns ist der Mittelpunkt einer Welt, die es nicht gibt und die es nur für ihn zu geben scheint. Dies ist das Fluidum, das noch kurz in der Luft hängt, wenn wir gegangen sind.

16. Oktober 2016
Wieviele Tote in den Log- und Kontobüchern, als Zahl in den Kategorialspalten. In unseren Geschichten haben die Toten mehr Fleisch und mehr Überraschendes, aber auch sie sind nur Schemen und Gespenster.

15. Oktober 2016
Auch ein Staat, der die Todesstrafe abgeschafft hat, tötet Menschen. Der Verurteilte, der sich in der Haft umbringt, geht auf das Konto des Staates. Dieser Mord wäre nur zu verhindern durch die Straflosigkeit aller Verbrechen einschließlich der Morde.

14. Oktober 2016
Die sofortige Kapitulation, wenn das Scheitern eines Aufstands offenbar wird, verhindert weitere fremde Opfer und opfert die eben noch Kämpfenden und ihren Kampf.

13. Oktober 2016
Wer die Revolution beginnt, muß die Massaker auf sich nehmen - die eigenen und die von den anderen verursachten. Es gibt keine unschuldigen Revolutionäre, wie es auch keine unschuldigen Staatenlenker gibt.

12. Oktober 2016
Recht und gerecht ist es, an das Unrecht der Sklaverei zu erinnern. Aber ist es auch richtig und klug, dies dann zu tun, wenn die Urenkel der Sklaven drohend vor den Toren stehen?

11. Oktober 2016
Welcher Leichtsinn, wenn ein altes Land sich ohne Not auf einen Nahkampf einläßt! Die Greise müssen auf Abschreckung, Bestechung und Betrug setzen oder auf weitreichende Waffen und die Selbstvernichtung eines Gegners, für den der Kampf noch zu früh, noch zur Unzeit beginnt.

10. Oktober 2016
Wir kämpfen alle in der Hoffnung, daß von außen her Rettung kommen wird - von denen, die weniger zweifeln und weniger verzweifelt sind.

9. Oktober 2016
Der Rückzug in die Festung hindert an weiteren Rückzügen ins freie Land und an rettende Ufer. Und doch ist unter bestimmten Konstellationen eine Flucht in die Festung die beste mehrerer fataler Möglichkeiten - in Hoffnung auf rechtzeitigen Entsatz.

8. Oktober 2016
Die Kirche des Verrats und der Verräter - Gott aber ist auch unter ihnen, während er draußen wartet auf eine bessere Zeit dieser gleichbleibenden Menschen.

7. Oktober 2016
Es ist ein Menschenrecht, sich zu retten vor dem eigenen Tod ohne Rücksicht auf die Opfer. Aber das ist keine Pflicht, denn es gibt ein Recht, sich für andere zu opfern. Allerdings wird der, der dies tut, niemals fragen, ob er gerechtfertigt handelt.

6. Oktober 2016
Die Sieger sind die Sieger, weil sie die Geschichte für sich behalten und sie umschreiben, weil sie keine Zweifel lassen, daß sie recht hatten und deshalb nicht auf Nachfragen warten müssen.

5. Oktober 2016
Dressur durch Musik, durch bestimmte Wortfolgen, durch gezielte sabbernde Unterwerfungsrituale.

4. Oktober 2016
Er versteckte sich an der Front, hinter seinem Mut.

3. Oktober 2016
Niemals darf sich eine Mehrheit als Minderheit aufführen und nennen lassen. Einer Minderheit Macht zu geben, ist schon der halbe Selbstmord. Ein Reservat darf man zugestehen, ein befreites Gebiet nicht.

2. Oktober 2016
Der einzige Maßstab für eine nicht verlogene Moral ist: Hilft sie weiter, wie vielen Menschen hilft sie weiter. Rette einen und es ist gut. Rette zwei und opfere im schlimmsten Notfall einen und es ist auch gut. Moralisch ist Kapitän William Bligh: Alle dir Anvertrauten zu retten und die Verfolgung der Meuterer zu ermöglichen, die nicht die Aufgabe eines Kapitäns ist.

1. Oktober 2016
Man kann ohne alle Hoffnung und ohne alle Mittel kämpfen, aber man wird dann nur einen Sieg erringen wie beim Null ouvert: Gewonnen, ohne gewonnen zu haben.


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