Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

31. Juli 2016
Die Macht der wenigen Einzelnen beruht auf der Potenzierung der Ohnmacht der machtlosen vielen Einzelnen und einer Vorzeichenumwandlung von Altlasten und deren Nutzung als politisches Kapital.

30. Juli 2016
Die große Fähigkeit, einen isolierten Außenposten zu halten, ohne auf Entsatz hoffen zu können. Man muß vor allem gut zu sich sein und gut mit sich auskommen, um das längere Zeit zu bestehen.

29. Juli 2016
Der kurze Augenblick, in dem ein Sieg nichts als ein Sieg ist, in dem die schmutzigen Hände und die blutbesudelten Fahnen rein wie am ersten Tag erscheinen, das Glück unerschüttert wirkt, nichts fraglich ist und die nächste Bataille jenseits aller Gedanken bleibt.

28. Juli 2016
Die arg begrenzte Bedeutung einer Wüstenbegrünung mithilfe einiger Blumentöpfe voller Plastikgewächse - das ist das Lebenswerk unserer Reformer und Erneuerer.

27. Juli 2016
Das Verschwinden der Menschenköpfe von den Häusern und all der Nymphen und Engel, die ja auch als eine besondere Sorte Mensch gestaltet waren, ist Teil eines Programms radikaler Enthumanisierung. Der Sieg der Linie und des rechten Winkels über den Körper bedeutet Verflächung und Verflachung.

26. Juli 2016
Das Neue und Unbekannte kann niemals harmonisch sein. Seine Gefühlsqualität ist ja gerade die, uns durcheinander und aus der Fassung zu bringen. Harmonisch ist für uns, was wir zu kennen glauben.

25. Juli 2016
Die Wiederholung der schönen Einzelheiten ist die Voraussetzung für die Schönheit des Ensembles.

24. Juli 2016
Die Erde trägt uns nicht, wie uns das Fruchtwasser trug, und wie uns das Meer trägt, das uns an unsere ersten Tage erinnert. In unserer Bewegung spüren wir, wie schwer wir geworden sind, wie schwer zu bewegen.

23. Juli 2016
Meine Erwartung war immer (die eines Jungen mit einem eher unsichtbaren ausgezeichneten Makel) nicht behandelt zu werden wie die anderen. Eine Art Rechtsanspruch auf Ungleichbehandlung.

22. Juli 2016
"Richtet nicht" bedeutet: Sprecht keine Urteile. Es bedeutet nicht: Verzichtet auf eure Urteilsfähigkeit.

21. Juli 2016
Wie lange, mit welcher Aussicht wird sich der wehren, der nicht entschlossen ist, zu allen zu diesem Zweck geeigneten Mitteln zu greifen?

20. Juli 2016
Es ist dein Menschenrecht und eine eherne Überlebensnotwendigkeit, faschismusphob zu sein und auch andere Seuchen nicht zu lieben.

19. Juli 2016
Die Beschleunigung des Fortschreitens weckt die Furcht vor einer ähnlichen Geschwindigkeit in umgekehrter Richtung.

18. Juli 2016
Sich oben zu fühlen hindert an der Anstrengung, nach oben zu kommen.

17. Juli 2016
Leise zu schreiben in einer Zeit, in der die Steine schreien, ist ein Aufstand und eine Lüge.

16. Juli 2016
Immer der Zweifel: Ist es die Zeit, um nach vorn zu treten, ist es klug, sich offen zu zeichnen?

15. Juli 2016
Angeblich gibt es keine Sünde mehr, außer derjenigen, eine Sünde sündig zu nennen. Aber dann gäbe es auch keine Vergebung mehr, dann wären wir keine Bettler.

14. Juli 2016
Das Plus der Armut, des Nicht-Habens. Wie ein großer alter Name die Nachfahren und Nachaufbauer der KPD zwang, was sie nicht waren und nicht konnten zu offenbaren. Die kleine randständige VEREINIGTE LINKE dagegen proklamierte damals in ihrer Selbstbezeichnung lediglich eine Aufgabenstellung und eine unerfüllbare Hoffnung.

13. Juli 2016
Die Inflationierung des Obszönen in den öffentlichen Räumen nimmt der besonderen Sprache ihre Besonderheit, läßt sie unterschiedslos untergehen im Alltagsbrei.

12. Juli 2016
Der Täter will sich durch seine Tat konstituieren. Er wehrt sich dagegen, daß ihm die Tat genommen werden, er zum Opfer vernichtet werden soll.

11. Juli 2016
Keine Umbenennung macht die Schwarzen weiß. Nur in den Namen Gottes sind wir frei, denn das Unbekannte ist offen und unverletzlich. Alles Greifbare hat sein passendes Wort.

10. Juli 2016
Zu Unrecht wird dem, der über feindliche Gefühle anderer spricht, unterstellt, er mache sie sich zu eigen. Wenn schon die Beschreibung des Elends verboten wird, dann ist es erst recht verboten, das Elend zu beseitigen.

9. Juli 2016
Arme Helfershelfer der Feinde - die, die nicht von den Verteidigern der Burg geköpft wurden, werden von den Siegern geköpft.

8. Juli 2016
Der, der sich nicht unterscheiden will, wird sich nicht unterscheiden vom Dreck unter seinen Füßen, von seinen und unseren Ausscheidungen.

7. Juli 2016
Die Grausamkeit der wirklichen Geschichte. Wenn es gegen die Mörderbanden geht, sollst du die Unterstützung desjenigen zurückweisen, der nur aus blindem Haß oder blinder Rache handelt oder aus Mordlust tötet? Nach dem Sieg ist es eine Kleinigkeit, anständig und gnädig zu sein.

6. Juli 2016
Ein Verdienst liegt schon darin, gegen die verkommene Harmlosigkeit der Herrschaften zu protestieren mit einem Schrei voller Haß und Wut, der kein Ende ist, sondern eine schmutzige Geburt.

5. Juli 2016
Bleibe kalt, wenn sie sich erwärmen für das Laue!

4. Juli 2016
Nenne den Kopf "Kopf", nenne die Hand "Hand", nenne das Weiße "weiß" und nicht "das weniger Dunkle".

3. Juli 2016
Je mehr ein Land im Krieg ist, je mehr die Verluste anwachsen, um so weniger zählen die Zahlen und die Schicksale.

2. Juli 2016
Wenn es gewöhnlich und vorherrschend geworden ist, sich für die Fremdesten und Fernsten ins Zeug zu legen, wird es zu einem Spleen der Aristokraten und Traditionalisten, für die eigenen Leute einzutreten.

1. Juli 2016
Es gibt kein Gesetz gegen den Mißbrauch von Menschen oder bereits des Wortes "Menschen" zu niedrigen propagandistischen Zwecken. Was wird sein, wenn "Mensch" angesehen wird als Lügenkonstrukt?


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