Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

Romane · Kurze Prosa · Lyrik · Essays · Kinderbücher · Theatralisches
Künstlerische Photographie · Kopier-Kunst · (Material)Bilder



TAGEHEFT

31. Januar 2016
Der Anti-Held ist der Schatten des Helden, aber auch seine Sonne.

30. Januar 2016
Die Eile der Diplomaten, in kurzer Zeit möglichst viel Schaden anzurichten.

29. Januar 2016
Die Wahrheit der Dichtung: Die Vase in allen ihren Splittern und ein Bild aus den Jahren, ehe sie zerbrochen wurde.

28. Januar 2016
Eingestiegen in den falschen Zug lesen sie den Mitreisenden laut vor, an welchen Stationen er bereits gehalten hat.

27. Januar 2016
Den Feind hinter sich zu haben, ist nur in der Zeit ein Vorteil.

26. Januar 2016
Auch der Rückzug und die Flucht sind eine Gegenwehr und oft genug die einzig wirksame.

25. Januar 2016
Kein Staub bleibt in der Luft. Jede deiner Bewegungen wirbelt ihn auf. Gib Ruhe!

24. Januar 2016
"Nimm mich auf, daß ich in dir herrschen kann", sagt das Ich der anderen zu unserem Ich,"ich bin kein Ich, ich bin das wesenlose Es, ich gebe dir den kühlen Rausch des guten Gewissens."

23. Januar 2016
Für welchen Leser ist ein Buch geschrieben, welcher entspricht ihm, welchen spiegelt es zurück? Es ist doch so, daß der Leser für sich entscheidet, ein wehrloses Buch zu okkupieren.

22. Januar 2016
Verändern die Leser ein Buch? Ihre Zahl jedenfalls berührt es nicht.

21. Januar 2016
Wir lieben das Inexistente. Nur es ist unserer Phantasie zugänglich und ihr Ausfluß.

20. Januar 2016
Es ist der Rand, der das Gefüge der Silhouette und ihre Gestalt bestimmt.

19. Januar 2016
Königsberg, Weimar und Jena philosophisch-literarisch bedeutsamer als Berlin, Bayreuth musikalisch bedeutsamer als München, dazu noch all die Maler und Bildhauer aus der Provinz und dem Umland, die Nolde und Barlach - die Kunst vieler ganz Großer kommt von den Rändern.

18. Januar 2016
Eine Brücke, die planlos oder nach Plan gebaut wird, in jedem Falle aber auf ein gegenseitiges Ufer zu, von dem nur Vages und Widersprüchliches zu vernehmen ist und das vielleicht in Kürze verschwunden sein wird.

17. Januar 2016
Jede dünn aufgetragene Schicht, die ihre Unterlage und damit das, was ihr vorausging und nach ihr sein wird, nicht völlig verschwinden läßt, wird nur wahrgenommen als Teil des Unteren.

16. Januar 2016
Es ist das Feuer, das leuchtet - nicht das, was von ihm zurückbleibt.

15. Januar 2016
Wer nicht die Möglichkeit - wie schmerzlich und widerwärtig auch immer - hinnimmt, daß ein Mörder große Gedichte schreiben oder große Musik komponieren kann, hat von den Künsten nichts verstanden.Dies zu einem Land, in dem die Masse der wohlmeinenden, sich für gebildet haltenden Idioten glaubt, Brechts mordlüsterne "Maßnahme" verschweigen oder kleinreden zu müssen, um sein Andenken davon frei zu halten und nicht in Versuchung zu geraten, ihn totaliter zu verdammen, und in dem besorgte Spießbürger das Wandbild eines Malers, der der Sympathie mit der Partei "Die Republikaner" verdächtigt wurde, beseitigt haben.

14. Januar 2016
Wenn überhaupt eine Umkehr, dann an den Extremen.

13. Januar 2016
Der Blick zurück ist vielleicht tödlich für die anderen - uns aber ist er notwendig, um uns wiederzufinden, wie wir waren, und um uns nicht zu verlieren, wie wir sind.

12. Januar 2016
Wer das Volk beseitigen will, und sei es zunächst nur im Sprechen über die politischen Dinge, will die Volksherrschaft beseitigen, in der Idee und in der Praxis.

11. Januar 2016
Die heilige Dreifaltigkeit auf Münzen zeitgerecht verkauft und die unüberbietbare kostümierte Dummheit exemplifiziert an einem katholisch beauftragten Rundfunkprediger, der die Heilige Barbara eine "türkische Frau" nennt. Der Himmel mag solche Stellvertreter begnadigen, wir aber sollten sie zur Hölle schicken.

10. Januar 2016
Die, denen Politik ein Geschäft ist, wollen gegenüber den anderen in erster Linie deren Geschäfte verderben.

9. Januar 2016
Jede Wiederholung eines Wunders beruht auf Betrug.

8. Januar 2016
Das ist Gender: Den Frauen die Weiblichkeit, den Männern die Männlichkeit nehmen und damit den Männern die Frauen und den Frauen die Männer. Die Ernte: Nichts. Einer der Triumphe des Nihilismus und der Barbarei.

7. Januar 2016
Den Berg verrücken, den Berg verrückt machen? Laß sie es versuchen.

6. Januar 2016
Die Menschlichkeit unterscheidet uns von den Tieren, in unguter Weise.

5. Januar 2016
Wie stark muß derjenige geworden sein, dem du geholfen hast, als er sehr schwach war, um dir deine Hilfe zu verzeihen?

4. Januar 2016
Das im Wirklichen angelegte und aus ihm entstehende Mögliche. Die Möglichkeit als Antipode des Wirklichen, als sein Nicht-Sein.

3. Januar 2016
Bei der Betrachtung der Geschichte (auch der des eigenen Lebens) läßt Mitleid unseren Blick verdreht werden.

2. Januar 2016
In unseren Träumen sind wir manchmal einsam, aber ganz und gar einsam sind wir, wenn wir uns im Erwachen bewußt werden, daß niemand mit uns geträumt hat und daß gemeinsam zu sein ein Traum war.

1. Januar 2016
Als der Mensch alle seine Gedanken und sein Gehirn erforscht hatte, kannte er alle seine Gedanken, aber sich nicht mehr.




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